Tagebuch eines Rhönschulmeisters Von Hans Alexander Siebrecht * 14. 7. 1889 in Kassel 1956 dem Sippenarchiv gestiftet 2026 transkribiert und erneut veröffentlicht von Jan Siebrecht, Mettmann Tagebuch des Lehrers Hans Alexander Siebrecht * 14. VII. 1889 in Kassel 1 Ein Blättchen Papier. Ein Blättchen Papier kann älter werden, wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden, wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall, wie das lockige Kind im lieblichen Tal. Ein Blättchen Papier weiß und mild ist oft das treueste einzige Bild, das der Mensch zurückläßt künftigen Zeiten, da über seinen Staub die Urenkel schreiten. Das Gebein ist zerstreut, der Grabstein verwittert, das Haus zerfallen, die Werke zersplittert; wer weiß in der ewigen großen Natur, in der wir gewaltet unsere Spur? Neue Menschen dringen mit neuem Geschick; keiner denkt an die alten zurück. Da ist ein Blatt mit seinen bleichen Tintenstrichen oft das einzige Zeichen von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten, gelacht, geweint, genossen, gestritten; 2 und der Gedanke, dem Herzen entsprossen in Schmerz oder Lust und tollen Grossen, sinkt hier nieder, und der Ewigkeit Ruß verhärtet ihn zu einem ewigen Gruß. O, möge er geläutert in fernen Zeiten wieder in die Herzen der Menschen gleiten! Aus Peter Roseggers „Waldschulmeister". Gichenbach, Weihnachten 1919. 3 Gichenbach, d. 10. Okt. 1917. Schon drei Tage das trostloseste Wetter. Regen. Sturm. Kälte. Ein kleiner Vorgeschmack zum Rhönwinter. Damit unsere Stimmung nicht ebenso trostlos wird, machen wir uns im Hause durch allerhand Arbeit Abwechselung. So haben wir seit gestern an unserem Winternest gebaut. Das alte Junggesellen-Sofa ist wieder aus der Bodenecke hervor= geholt u. kommt nun in der „Wohn"-stube wieder zu Ehren. Aus Sackleinen, Zeitungen u. allen Gardinen haben wir uns heute einen Teppich zu sammengenäht der uns vor "Eisbeinen" bewahren möge. Flom, das jüngste Lebewesen im Hause, ißt nur seit vier Tagen und. Der arme Kerl hat es wie mit dem Wette schlecht getroffen. Sitzt den ganzen Tag vor der Haustür ißt nichts u. friert. Hoffentlich kommen noch einige schöne Tage, daß wir wieder ausfliegen könmen. Frauchen, ich u. Flom! Samstag d. 13.Okt. 1917. Donnerstag mal wieder einen vergeblichen "Küsegang" zum Wiesenhaus gemacht. Alle Kuppen hatten ihre Nebel= haube aufgesetzt, der Wald hat schon volle Herbstfärbung u. hier u. da sieht man schon die ersten Schneefetzen. Unter den Wiesenhaus Einsiedlern scheint auch schwere Stimmung zu herrschen. Kathrins Schwester liegt im Sterben. u. der alte Bre¬ hardt sehnt sich nach dem Frieden. „Grüß Gott! Hab'n S'en Frieden mitgebracht?" waren seine ersten Worte. 4 Gestern hat uns nach langer Zeit Hartwig mal wieder besucht. Bei Scheihe u. Tee haben wir lange zusam- man gesessen. Er erzählte viel von der Not in Frankfurt. Sonstiges Thema war: Friede, Verlobung, Heirat, Ehe! Sonntag, d. 14. Okt. 1917. Wieder ein langer Regentag. Nicht aus dem Hause gekom¬ men. Hatten ernstlich vor in Hettenhausen den Werbevortrag für die 7. Kriegsanleihe mit anzuhören, aber bei solchem Wet- ter u. solcher Dunkelheit aus den warmen Stuben zu gehen, das kann S. M. von seinem tüchtigsten Patrioten nicht ver¬ langen. Frauchen ließ von Förster Hettenhausen nur „das Allerletzte“ u. ich habe mit Friedemann Lang begon¬ nen, ohne ernstlig daran zu denken das Buch fertig zu lesen. Diese breite ausführliche Art des Erzählens ist man gar nicht mehr gewohnt. Da fehlt mir die Geduld zu, das befriedigt nicht, sondern langweilt nur. Morgen beginnt die letzte Ferienwoche - hoffentlich lacht uns in den wenigen Tagen die Sonne noch mehrmals, wenn auch nur zum Abschied. Donerstag, d. 18. Okt. 1917. -- u. sie hat ein Einsehen gehabt u. erwärmt u. erfreut uns noch einmal. Diese schönen Tage kommen uns noch wie ein Geschenk vor. Freitag d. 19.Okt. 1917. Heute die letzten Kartoffeln in den Keller getragen. Die 5 schönen Herbstferien sind nun leider vorüber. Von den vorgenom= menen Arbeiten im Garten u. Stall ist kaum die Hälfte ge= schaft. Draußen liegt noch ein großer Haufen Holz, welcher ge= sägt u. zespalten werden will. Der ganze Garten ist noch um= zugraben u. an den Obstbäumen ist noch gar nichts gemacht. Hoffentlich schenkt uns der November noch einige schöne Tage daß wenigstens noch das Wichtigste erledigt werden kann, bevor der Winter kommt. Die Dalherdaer Eheleute scheinen sehr unter dem trüben Wetter zu leiden, die Stimmung war sehr gespannt. Oder ob die Leutchen immer so nett u. freundlich zueinander sind, dann beneide ich sie nicht, Gute Besserung. Hartwig sehnt sich schein= bar sehr nach Menschen - ach bleib doch noch ein bißchen- u. kommt doch recht bald mal rauf, dann bleibt ihr aber den ganzen Abend hier - waren ständig seine Worte. - Armer Hartwig! Heute brachte uns die Post die Nachricht, daß Ernst ins Feld zurückt sei. Wohin? Ist noch unbestimmt. Mutter u. Stutz= chen haben ihn noch einmal besuchen können. Gott mit ihm! Sonnabend, d. 20.Okt. 1917. Warte eben auf Staubitz u. Hartwig, haben heute Konferenz. Hoffentlich bringt man einige brauchbare Gedanken mit nach Hause. Sonntag, d. 21. Okt. 1917. Das Interessanteste von der Altenfelder Konferenz: 6 "Riebow hat geflogen." Den kleinen Mann (auch schon Vater von einem zwar sehr kleinen Kind - (wie die Leute erzählen!) beneide ich jetzt etwas. Als ich ihn fragte, wie ihm zumute gewesen sei, sagte er - er habe das Gefühl gehabt, als säße er auf einem Stahr - wie beim Abflug, seien sie plötzlich einige Meter senk= recht gefallen, da sei es ihm doch etwas sonderbar in der Magengegend gewesen. Wie kommt nun so ein simpler Schulmeister zu einem Flug mit einem Flugzeug? Sein Bruder ist jetzt während der Krieges Flieger. Riebow war während der Herbstferien in sei= ner Heimat u. sein Fliegerbruder ist mit seinem Apparat auch dorthin gekommen. Dann haben beide 50 km in 20 Min in einer Höhe von 500m geflogen. Schön! Oder? Das würde ich auch gern einmal mit= machen. Heute war für uns auch, wieder Kirchensonntag. Nach= mittags besuchten uns Anna u. Berta Gütermuth. Wir waren recht lustig. Nun ist Frauchen noch einmal mit nach Hettenhausen u. ich muß noch zur Krieger- vereinversammlung. - „Ach wär nur erst alles vorbei! Montag, d. 22. X. 1917. Heute der erste Schultag nach den Ferien. 7 u. Gott sei Dank auch endlich die Pansenverteilung für das Winterhalbjahr fertig bekommen. Eselhafte Arbeit, da sie oft zur Anwahnhaftigkeit zwingt - dann fühle ich mich oft sehr unglücklich aber leider muß das Opfen gebracht weden, unsere saubere Behörde wünscht es so!! Pfarrer St. einer der Würdigsten besuchte heute wieder die G. Schule - Später ein= mal mehr Interessantes über diesen Volksführer u. unseren Stieg. Heute bin ich zu müde dazu. Gute Nacht Frauchen. Mittwoch, d. 24. Okt. 1917. Nichts von Bedeutung geschafft oder geschehen. Es ist kein Som= mer u. auch kein Winter u. ebenso unbestimmt ist Stimmung u. Laune. Man wartet - aber ohne zu wissen auf was. Auf den Winter? auf die Ferien? auf Kassel? auf Besuch? auf Frieden? man weiß es eben nicht. Möge es sein was es will u. möge es dann recht bald kommen. Will schließen, sonst werde ich noch schwer= mütig. Frauchen guckt mich eben an, als wollte sie dasselbe sagen. Donnerstag, d. 25. Okt. 1917 Alles liegt voller gelber u. roter u. brauner Blätter, was nicht mehr ganz fest am Baume saß, hat der Wind her= untergeholt. u. nun sind auch hoffentlich die Gänse zum letzten Mal gerupft. Diese "Rupfereien" werden wohl die unangenehmsten Erinnerungen an unsere Gichen= bacher Geflügelzucht bleiben. 8 Sonntag, d. 28. Okt. 1917. Wenn auch mit roter Tinte geschrieben, so ist er heute doch kein besonderer Festtag in unserem jungen Eheleben. Ein Sontag wie jeder andere. Morgens Hutherfeier (400) in der Kirche u. nachmittags besuchte uns Familie Wald= schmidt. Megler als Anhängsel. Das erinnert sehr an den Onkel Siebrecht u. Fam. Klauer in W. Dienstag, d. 6. Nov. 1917. Das freudigste Ereignis dieser Tage ist - Der große Sieg deut= scher u. österreichischer Truppen über die Italiener. Mit dop= pelter Spannng u. Freude wird jetzt täglich der „Brief= bothe" erwartet, der uns durch die Zeitungen immer bessere Siegesmeldungen bringt. Die Gefangenenzahl (200 000) u. Beute (1800 Geschütze) übersteigt selbst die großen Erfolge Hindenburgs bei Tannenbeg u. an den Masuren. Man hat das Gefühl als seien die= se übermenschlichen Leistungen von höherer Gewalt gewollt u. unterstützt. Unsere Hoffnungen auf bal= digen günstigen Frieden sind in diesen Tagen sehr gestiegen. Ernst schreibt aus Lemberg u. somit haben wir endlich bestimmte Nachricht auf welchem Kriegs= schauplatz er zu suchen ist. Es ist ein beruhigender 9 Gedanke ihn nicht in den furchtbaren Flandernschlachten zu wissen. Der offizielle Besuch der Hersfelder Spießer ist auch überstanden. Die Zeitnahme war ziemlich zahlreich. Die wenigen Abendstunden mit Schwester-Anna u. Berta wären wohl noch gemütlicher gewesen, wenn man nicht durch den Massenbesuch so abgespannt gewesen wäre. Unsere arme Flora ißt auch nicht mehr. Seine neue d. h. auch alte Heimat ist wieder Dalherda. Ich wünsche Dir anständige Behandlung u. genügendes Fressen, daß du als Hund durchaus nichts taugst, ist ja nicht deine Schuld. Den Erbsenschmuggel hat unser Gichenbacher Ober-Hamsterer u. Warenhändler mit gewohnter Virtuosität u. Ruhe ausgeführt u. sind wir somit wieder eine Sorge los. Auch die unangenehme Petroleumnot ist überwunden, wenn auch vorläufig die 20 l nur auf dem Papiere stehen. Unser Wutzchen frißt tadellos und stirbt hoffentlich doch noch vor Weihnachten einen sanften Tod. Zigarren u. Tabak sind auch wieder im Hause. Eine warme Stube oder Küche in diesem Win= ter ist durch die heute erworbenen Briketts noch sicherer ge= stellt. Sie sehen also geliebte Leserin, liebe Frau, daß 10 sich in den scheinbar tatenlosen verflossenen acht Tagen außer Deutschlands politischer Lage unsere eigene wirt= schaftliche Lage ganz bedeutend gebessert hat u. wir darum diese Nacht ohne Maunzen ganz beruhigt ratzen können. Gute Nacht! Montag ,d. 12. Nov. 1917. Die tägliche Sorge gilt dem lb. Wutzchen. Vor Weihnachten? nach Weihnachten? Nur Kartoffeln? Keine Rüben? u. s. w. usw. ach wär nur erst alles vorbei! Die armen Hühner sind nun jetzt auch schon 14 Tage ein= gesperrt um ja mit dem „goldigen August" im Frie= den zu leben. Sonntag d. 18. Nov. 1917. Immer u. immer wieder das Wutzchen. -- u. nun ist endgültig beschlossen worden, doch vor Weihnachten zu schlachten - Grund: Futtermangel u. Ferien. Ja die Ferien, die sollen uns das alles wiedergeben - was man hier während den langen Monaten in der Dorf= u. Wahleinsamkeit hat entbehren müssen. Hoffent= lich enttäuscht uns Cassel nicht, dessen Be= trieb u. Leben unter dem Krieg doch auch sicher gelitten hat u. nicht mehr das Cassel von Ostern 1917 sein wird. 11 Gestern zur Konferenz in Altenfeld gewesen. Die Gersfelder Herrn fehlten, scheinbar weil die Schulzei= tung ausgeblieben war. Hatten aber doch selbst den Tag der Konferenz festgesetzt. Also kein Grund. Bin neugierig auf ihr Verhalten. -- u. heute Staubitzens besucht. Wetter sehr neblich u. Wege naß u. schmutzig - auch der ekelhafte ewig schnupfende Eschweger Schuster kam dazu. Frauchen bemerkte: auch keine vorteilhafter Gesellschafter für Hartwig. Dienstag. 20. Nov. 1917. Fräulein Weigel beschenkte uns dieser Tage mit einem selbstgemalten Bild. Hat uns viel Freude gemacht. Die wenigen Stunden im Gichenbacher Schulhaus müssen ihr doch gefallen haben. Arme Flora, scheinbar will dich niemand. Eine Ente macht Dummheiten u. frißt nicht mehr. Hoffentlich bleibt sie uns erhalten. Wetter ist immer noch trostlos. u. doch sind wir froh, daß noch kein Schnee gefallen ist, denn es gibt doch noch allerhand im Garten zu tun u. die Zeit nach der Nachmittagsschule ist immer zu kurz. Die Obstbäume sind größtenteils gedüngt. u. nächste Woche wird hoffentlich das Holz auch noch kurz ge= macht. 12 Freitag, d. 4. Jan. 1918. Erster Schultag nach den Weihnachtsferien. Frauchen ist noch in Cassel u. ich bin armer Strohwitwer. Oft habe ich den traurigen Gedanken gehabt - hast auch mal ein liebes Frauchen gehabt. Ich hoffe immer, daß sie recht bald kommt u. es auch keine 14 Tage allein aushält. Die einzige angenehme Abwechslung ist Schneeschuhlaufen. Sonntag, d. 6. Jan. 1918. Frauchen hat immer noch nicht geschrieben - ob sie sich wohl auch so einsam fühlt? Heute mal wieder an den Schul= listen gearbeitet. Montag d. 7. Jan. 1918. Endlich hat's Frauchen geschrieben. Hat Sehnsucht - genau wie ich - „jetzt merk ich erst, wie schwer es ist, wenn einer dem andern fehlet!" Seit voriger Nacht regnet es ununter= brochen. Der schöne Schnee u. das herrliche Schneeschuhlau= fen wird alle zu Wasser. Die Landschaft sieht ganz trost= los aus. Nur der grüne Rasen, da sich hier u. da wieder blicken läßt macht Märzstimmung u. gibt dem Herzen Frühlingshoffnung. Montag, d. 14. Jan. 1918. Herrliches Winterwetter. Und nun schon zweimal auf dem Wiesenhaus gewesen. Ich habe mich selten so frei 13 u. wohl gefühlt als an diesen Tagen, wenn man bei Somnenschein über die großen Schneeflächen der Dammersfeldes fährt. Dazu hatten wir noch recht nette Gesellschaft. Eine junge Witwe mit zwei prächtigen Buben. Meine Hoffnung, Frauchen würde früher von Cassel zurück kehren, gebe ich bald auf. Nehme es ihr auch nicht übel. Hauptsache: Frauchen kommt nun bald. Donnerstag d. 17. Jan. 1918. "Zwei Seelen" ist doch ein Buch mit sehr vielen ekelhaften Menschen. Schon gleich nach den ersten Blättern legte ich es fort. Dann reizte mich doh das Schicksal Heinichs u. heute verspüre ich wieder große Lust es weit von mir zu werfen u. all meine guten Bücher zu streicheln. Gott sei Dank das Wasser ist gefallen, der Sturz ist trocken u. die Verbindung mit der Außenwelt wieder hergestellt. Das war eine schön Geschichte. Die Schule ist aus u. mei= ne Gesellschaft von drüben kann nicht heim. Ratlos standen wie am Wasser. Wollte dann einen Übergang im Rommerher Grund versuchen. Es wurde uns aber ab- geraten. Dort sei das Wasser ebenso stark. Die gute Lu= ise, Friedrich u. Albert Maul wurden bei Nach's einquar= tiert. u. die Anna von der hohen Geis ging mit nach Hortmanns (Hof). Abends hat der Vater sein Kind ge= sucht. u. am anderen Morgen stand die besorgte Mutter mit Brot u. Wurst vor der Schule. Man stelle sich auch die Sorge der Eltern vor. 14 Ich freue mich über jeden Tag der vorüber ist. Frauchen hatte mir etwas gesagt vom 22. Habe nun immer geglaubt, der 22. wäre ein Mittwoch, sehe aber eben auf dem Kalender, daß es der Dienstag ist. Hoffentlich habe ich mich nicht getäuscht, dann hätte ich ja heute zwei Tage gewonnen. Hoffentlich kommt morgen ein Brief vom Frauchen. Sonnabend, d. 19. Jan. 1918. Es ist Samstag da werden sie in Cassel noch einmal alle zusammen sein. Heute schrieb mir mein alter lieber Vater von seinem Leiden - von seinem baldigen Tod. Ich bin furchtbar traurig u. fühle mich so unendlich einsam. Sein sehnlichster Wunsch ist, noch einmal bei uns den Frühling zu erleben. Er bittet um Brot u. Eier. O, unseliger Krieg. Wie will ich dankbar u. glücklich sein, wenn ich meinen alten guten Vater noch einmal bei mir haben darf. Er schreibt, es habe ihm wohlgetan, daß sich mein liebes Frauchen so oft nach seinem Befinden erkundigt habe. Wie hat mich das in meinem Schmerz so ruh gemacht u. doch fühle ich mich heute so trostlos ein= sam. Könnte ich jetzt meinen Kopf an Frauchens Brust legen! Montag, d. 21. Jan. 1918. Wie bin ich heute so voller Glück, daß bald mein gutes braves Weib bei mir sein wird. Es ist mir gerade, als wer= 15 de mir mein Frauchen von Neuem geschenkt. Wo wird nur das Frauchen eben stecken. In Cassel? In Bebra? Wo Frauchen auch sei. Ich bin so mit meiner ganzen Seele bei ihr, daß sie sich auch glücklich fühlen wird. Gute Nacht mein Lieb. Morgen sind wir wieder ein jediger Wesen. Dienstag d. 12. Febr. 1918. Heute bringt die Zeitung die Nachricht von dem ersten Friedens= schluß. Mittelmächte u. Ukraine. Es wird auch von Frieden mit Rußland geschrieben, man kann aber leider dieser Mit= teilung noch nicht glauben. Das ist nun hoffentlich der An= fang vom Ende. Abgesehen von einigen traurigen Regentagen hatten wir nach dem Schnee einen herrlichen Winter von dem ein Tag immer schöner war als der andere. Die wichtigsten Er- eignisse der letzten Wochen, welche das Schulhaus in schwankende Bewegungen versetzte, teils aus Freud, teils aus Leid, sind: 1. Die Hühner legen. 2. Die Schulprüfung war gut. 3. Der Herr Lehrer hat einen argen Schnupfen 4. Der Habicht (aber nicht die Pfarrer) hat ein Huhn gefressen. 5. Das zweite Märchen scheint Wirklichkeit zu werden. Montag, d. 25. Febr. 1918. Doch nicht! Peter wird wieder ein Märchen. Gestern war die 16 Beerdigung vom Kollegen Veg. u. heute hat in Gichen= bach der Schulkursus begonnen. Sonntag, d. 7. April 1918. Gestern sind wir aus den Osterferien gekommen. Nun liegt der lange Winter hinter uns u. morgen wird mit der Gar= tenarbeit begonnen. Wir beide freuen uns sehr auf Sonne u. Sommer. Auch haben endlich während unserer Abwesen= heit die Enten gelegt, das war eine große Freude. Möge in diesem Jahre unsere Garten- u. Viehwirt= schaft ebenso segensreich sein, wie im verflossenen. Hoffentlich bringt auch das neue Schuljahr mehr Freude als Enttäuschungen. Wir alle stehen noch unter den großen Eindrücken unserer Offensive im Westen. Abgesehen von einzelnen min= derwertigen Menschen, wie wir sie gestern im Zuge sahen, sind alle nach den großen Siegen hoffnungsfreu= dig u. siegeszuversichtlich. Möge uns recht bald ein guter Friede beschieden sein. den 3. 4. 5. 6. August 1918. Frauchen hat mich verlassen, sie ist in Cassel um mit ihrem Bruder Ernst mal wieder zusammen zu sein. Habe heute keinen Gruß erhalten u. bin darum sehr nieder= geschlagen. Hoffentlich kommt Frauchen recht bald wieder, so gern ich ihr auch die Casseler-Tage gönne. „Jetzt 17 merk ich erst, wie schwer es ist, wenn einer dem andern fehlt!" Ich lese eben von Sonntag, d. 7. April 1918. Ostern - Beginn der Gartenarbeit u. s. w. Es hat bis zum August alles sehr gut gegangen. Der Garten - hat uns reichlich Beeren geschenkt, das Gemüse steht bedeutend besser als im vergangenen Jahr. Auch hängen die Bäume voller Kirschen. Wenn wir auch nicht so viel Äpfel bekommen werden, so verspricht unsere Pflaumenernte um so reichlicher zu werden. Unser Viehstand ist ebenso gut. Das Wutzchen, welches wir schon seit Anfang Mai haben, wächst tüchtig. Fünf junge Enten u. fünf junge Hühnchen sind der Nachwuchs u. Donnerstag d. 8. hat wieder eine Glucke aus- gebrütet. Nur unsere Hasenzucht war von kurzer Dauer! Fremdenverkehr war auch sehr rege (siche Gästebuch) Krieg! Ja, leider immer noch. Auch wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende. Hartwig ist seit dem 1. Aug. 18. Soldat. Armer Hart- wig. Montag d. 23. Sept. 1918. Es ist beinahe schon winterlich in unserer Ruche. Drau= ßen trostloses Regenwetter das Feuer tut sehr wohl u. ich habe schon wieder unser Tagebuch hervorgeholt - - aber auch nur heute einmal. Die regelmäßigen Aufzeichnungen sollen erst geschehen, wenn es wieder richtig Winter bei uns ist, wenn erst all' die Kartoffeln im Keller liegen, wenn erst das ganze Holz gespalten ist 18 u. auf den Boden geschafft ist, wenn erst das alte Jung= gesellen-Sofa u. der Papierteppich in die Küche einge= zogen sind. Bis dahin erleben wir hoffentlich noch recht viele schöne Herbsttage. Damit nicht der Gichenbacher Winter gar zu lange ist. Unsere Hauptsorge ist eben die Petroleumnot. Tabak ist ja auch sehr knapp aber ein 7 rauchloser Winter wäre immer noch leichter zu ertragen wie ein Winter ohne Licht. Hoffen wir, daß wir auch hier- für eine gute Quelle entdecken. Mittwoch d. 2. Okt. 1918. Bulgarien hat mit der Entente Waffenstillstand abgeschlossen. Die Entente fordert Rückgabe aller Provinzen an Serbien u. Grie= chenland - Übergabe von Sofia u. aller bulgarischen Eisenbahnen. Damit wäre die Fürstin von uns abgeschnitten. Weiter X Rücktritt des Reichskanzlers Graf Hertling. Rücktritt des gesamten Mini= steriums. Bewilligung des allgemeinen gleichen Wahlrecht: Das alte Preußentum endet. Wir bekommen eine sehr demokratische Regierung u. unser Kaisehaus hat vielleicht die längste Zeit regiert. Es ist alles so furchtbar hoffnungslos. Möge unser geliebtes deutsches Vaterland vor Fremdherrschaft, dem größten Unglück das ein Volk treffen kann, bewahrt bleiben. Wir erleben eben unsere Schicksalsstunde, ob Sein X sind die letzten Ereignisse folgende: oder Nichtsein. 19 Montag d. 21. Okt. 1918 Wir leben immer noch in banger Sorge um unseres lieben Vaterlandes Zukunft. Die Kriegsmüdigkeit der großen Masse ist so stark, daß man zu den größten Opfern bereit ist, nur um den Frieden zu erlangen. Die Stimmung unserer Truppen ist so schlecht, daß man von einer Zesetzung unserer sonst so sieg= gewohnten Herre sprechen kann. .. u. all diesen so furchtbar trau= rigen Ereignissen ist man so machtlos gegenüber, daß man für unser Vaterland u. unser Volk nur noch gute Wünsche u. Hoffnungen haben kann. Ich hoffe auf einen Mann der so tüchtig ist, dass er den schlafenden deutschen Michel im letzten Augenblick aufrütteln kann, daß er noch einmal aufwacht u. das größte Unglück, Fremdherrschaft, von sich abschüttelt. Frauchen hofft auf ein Wunder, Erdbeben, Seuche u. a. Möge Gott geben, daß sich eines davon erfüllt. Mein Vater ist krank. Donnerstag, d. 31. Okt. 1918. Heute schrieb mein Vater, daß es ihm wieder besser ginge. Wir freuen uns darüber, ist doch damit Hoffnung vorhanden, daß wir ihn noch einige Zeit bei uns behalten. Die Weltkriegs= viel= mehr = friedenslage ist immer noch sehr unbestimmt. Ludendorff mußte gehen. Österreich-Ungarn hat sich vollständig aufge= löst u. die Fürstin soll bereits schon in Friedensverhandlungen ein= gegangen sein. Es herrscht allgemein eine schwere Stim= mung in Deutschland u. alle, denen das Wohl u. Wehe unseres lieben Vaterlandes am Herzen liegt, sind matt u. schweigsam. 20 Wir haben in diesem Jahr einen herrlichen Herbst. Die Nächte sind zwar sehr kalt schon mit Frost. Die Tage aber trocken u. warm u. voller Sonnenschein. Ich sammle mit den Schulkindern fleißig Bucheckern. Frauchen war auch schon zweimal mit. Im Garten ist heute das letzte abgeerntet u. bereits schon die Hälfte umgegraben. Freitag, d. 8. Nov. 1918. Nach acht bösen Grippetagen heute zum ersten Mal wieder unten im Zimmer. Die elende Krankheit begann mit Frost, allgemeiner Mattigkeit u. Halsschmerzen. Das Un= angenehmste waren hohe Fieber. Nach zwei Tagen legte sich dann Frauchen dazu. Frau Quillmann hat uns ja dann ganz schön versorgt. Auf die Dauer wäre es aber zu viel Arbeit für die Frau geworden, zumal ihr Mann auch noch nicht ganz gesund ist. Wir ließen darum Sützchen kommen, welche uns ja nun auch sehr gut pflegt. Wir hoffen nun auch in einigen Tagen wieder ganz ge= sund zu sein. Herr Dr. Spahn klagte über sehr viel Arbeit. Von Heubach wird erzählt, daß das Dorf 24 Tote in einer Woche hatte. Es soll gesperrt sein. Auch brachte uns Herr Dr. Spahn die Nachricht mit, daß Staubitz von einer Brücke gestürzt ist. Das Brustbein soll geknickt sein u. in der Hüftgegend soll er schwere 21 Quetschungen davon getragen haben. Wir haben viel an Staubitz denken müssen u. es würde uns sehr leid tun, wenn er wehendang damit zu tun haben soll. Ein anderer sehr trauriger Fall dieser Tage, ist der Tod des Kollegen Schwinder in Gersfeld. Erst 44 Jahre alt, ist er einer Lungenentzündung erlegen. Samstag d. 14. Dez. 1918. Sützchen war 6 Wochen hier, dann kam Mutter Weber zum Schlach= tfest u. gestern sind beide wieder abgereist. Das Äunchen-Buch mit seinen schönen Liedern hat uns über manche einsame Stunde hinweg geholfen u. uns oft den Zusammenbruch unseres lieben Vaterlandes vergessen lassen. Erfreulich war auch bei unseren heimziehenden Truppen zu sehen, daß Treue u. Achtung bei unseren Feldgrauen noch nicht ganz geschwun= den ist. - sonst regiert der ehr= u. charakterlose Plebs man kann aber heute schon beobachten, daß ihre Macht zu schwinden beginnt. Den Winter haben wir bis heute viel angenehmer verbracht als im vorigen Jahr. Die Wohnstube ist dies mal gar nicht ein= gerichtet worden. Wir halten uns nur im Zimmer auf - größere Gemütlichkeit, wärmere Beine u. öfter Musik macht den Gichen= bacher Winter erträglicher u. kürzer. Mag sein, daß man dadurch auch seltener zum „Tagebuch-führen" gekommen ist. Ob wir die= se Weihnachten in Cassel verleben ist noch nicht bestimmt. 22 die Sorge um Haus u. Vieh in der augenblicklich unsicheren Zeit, will uns nicht fort lassen, darum machen wir schon allerhand Pläne für unser Weihnachtsfest. Christbaum. Fahrt nach Fulda u. s. w. Freitag, d. 20. XII. 18. Mittwoch waren wir in Fulda u. haben uns Chistbaum= schmuck u. = kerzen gekauft u. heute war ich mit der Axt im Walde u. habe uns einen Christbaum geholt. In Fulda sahen wir auch das Res. Art. Regt. Nr. 57 heimkehren. Pferde u. Wagen waren mit schwarz - weiß- roten Fahnen u. Tannen geschmückt. Hettenhausen u. alle anderen Dörfer an der Straße Fulda-Gersfeld haben auch Einquar= tierung. Donerstag, d. 2.1.1919. Unser Weihnachtsbaum war ganz wunderschön u. abends kamen zur Bescherung Frau u. Frieda Quillmann, Luise, Friedrich u. Lisette Maut, Georg u. Erna Veg. Wir haben ge= sungen u. uns gefreut über die strahlenden Gesichter der Kin= der. Das neue Jahr haben wir bei guter Stimmung im Forst= haus begonnen. Da scheint sich zwischen Försters u. Lehrers eine engere Freundschaft entwickeln zu wollen. Gut! Wir führen Frl. Milly zum Tanz u. werden hoffentlich da= für manchmal vom "Schimmel" spazieren gefahren. Ja - die Pferdegeschichten u. =gedanken haben auch uns schon reichlich viel beschäftigt. Wollen sehen was daraus wird: 23 Das Wetter ist wähend der ganzen Ferien trostlos gewesen. Dauernd Regen u. Sturm - Nebel u. Finsternis. Täglich war¬ ten wir auf Frost u. Schnee. Wie schön wäre es doch gewesen hätten. wenn wir Schneeschuh hätten laufen können - jedenfalls hätten wir uns dabei wohler gefühlt u. eine schöne Tour zum Wiesenhaus hätten uns mehr befriedigt als die Truze- dis u. Finsternis in Hettenhausen u. Altenfeld. Hoffentlich kommt recht bald der ersehnte Winter. Donerstag d. 23. I. 1919. Das Wetter ist zwar besser geworden, aber Winter, so wie wir ihn uns wünschen, haben wir immer noch nicht. Durch den Frost sind we= nigstens die Straßen wieder trocken u. gangbar u. fast täglich scheint um die Mittagszeit die Sonne. Sie war es auch, die uns nach dem letzten Ferientag zu einer Tagestour verführt hat. Gichenbach - Altenfeld - Poppenhausen - mit der Post nach Lütter u. dann mit dem Zug nach Hettenhausen. Es war herrlich! u. lohnend – denn mit 4,5 l Bucheckernöl im Ruck= sack, kehrten wir wieder wohlbefriedigt ins Schulmeisterhaus ein. Unser sehnsüchtiges Warten auf Schneeschuh-Schnee ist in den letzten Tagen durch den Wahlkampf etwas verkürzt wor= den. Von den vielen Versammlungen besuchte ich nur die der demokratischen Partei in Gersfeld, auf welcher Seminarlehrer Walter mit seinem Vortrag sehr großen Erfolg hatte. Wir ver= anstalteten in Gichenbach auch eine Versammlung u. das erfreuliche Wahlergebnis zeigte (Dem. 57, Zentr. 95, Soz. 36. Nat. 10) daß dieselbe nicht zwecklos war. Auch hatte ich das Gefühl, 24 als ob die Gichenbacher ihrem Schulmeister etwas näher gerückt seien u. umgekehrt. Nächsten Sonntag ist die Wahl für den preußischen Landtag. Sonntag, d. 16. II. 1919. Wenn diesmal auch die Demokraten in Gichenbach nicht ge= siegt haben, so sind sie dem Zentrum gegenüber doch nicht unter= legen gewesen. Dem. 51. Zentr. 51. Soz. 34 Nat. 8. Viel ange- nehmer als diese unleidlichen Wahlkämpfe waren Schönplüb= fest u. Schneeschuhlaufen. Frieda Trippstein war von Cassel ge= kommen, um beides mitzuhalten. Wohlbefriedigt ist sie vor wenigen Tagen wieder fortgefahren u. nun ist auch der Schnee fort u. die Sonne scheint schon so warm, daß unsere Hoff= nungen auf nochmaligen Schnee sehr schwach sind. In den wenigen aber ganz herrlichen Wintertagen hat Frauchen sehr viel gelernt u. muß sie loben. Frieda Trippstein war sehr ängstlich, etwas Schuld mögen auch ihre ungrostischen Radt= schuhe gewesen sein. Bin auch mal wieder Patient u. habe zwei Tage die Schule ausgesetzt. Dienstag, d. 18. II. 19. Heute haben wir seit langer Zeit mal wieder ein Zimmer ohne Rauch, das ist so eine angenehme Sache, daß man unbedingt ein paar Worte darüber machen muss. Der alte stinkende u. qualmende Nochofen ist heute mit einer Freude rausgeworfen, daß es eine Lust gewesen sein muß, uns zuzuschauen, dann 25 haben wir uns das kleine Öfchen aus dem Fremdenzimmer geholt. Das Verpassen des Rohrs u. das Verschmieren der Ritze (Gips u. Wahl) war eine sehr schwierige Arbeit, wobei oft die bange Befürchtung, ob's wohl geht u. dann wieder der hoffende Wunsch, wenn es nur erst fertig u. richtig wäre, in einem aufgestiegen ist. - u. es hat gegangen. Voller Spannung standen wir zwischen Stühlen, Schmutz u. Hanmer, Zange u.s w. vor unserem neuen Werk u. warteten sachkundig auf das erste qualmende Rauchwölkchen - aber es hat sich tapfer ge= halten u. wir sind beide stolz auf unser Werk. Nun sollen die alten rostigen Rohre noch schön geschwärzt u. geglänzt werden, daß unser neuer Ofen nicht nur praktisch, sondern auch schön ist. Freitag den 28. Febr. 19. Daß es nun dem Frühjahr zugeht, ist ein zu schöner Gedanken. Täglich wird auch nach der Schule an Hecken u. Bäumen ge= schafft. Die Hühner haben nun endlich auch mit dem Legen begonnen. Nun noch einen Monat, dann ist das alte Schuljahr auch vergangen. Johanna Hau schrieb diese Tage einen Abschiedsbrief, sie will in Ihre alte Heimat ins Elsaß. Ob sie dort wohl Wilh. Schwaur u. dem Deutschtum treu bleiben kann? 26 Montag, d. 28. IV. 19. die herrlichen Tage im Februar waren bald wieder zu Ende. Der März brachte noch einnal so viel Schnee, daß die Post von Dalherda noch Schmalnau zwei Tage nicht fahren konnte u. so ist das Wetter geblieben bis heute - naß - kalt u. stürmisch. Die Osterferien liegen nun auch wieder hinter uns u. sehnsüch= tig warten wir auf warme sonnige Tage, daß wir mit unserem Rasen anfangen können. Unterdessen wollen wir noch ein wenig unserer Reise u. unserer Ferientage in Cassel ge= denken. Die Freude an unserer Heimfahrt war uns bald durch die Besorgnisse u. die umständlichen Vorbereitungen genom= men. Hauptsächlich war es Familie Kniwim, welche uns sehr beunruhigte durch allerlei Einbruch u. Diebstahlgedanken. Etwas angesteckt hiervon brachten wir zur Sicherheit unser ge= schlachtetes Wutzchen ins Forsthaus, vesteckten einen Teil unserer Wäsche in einem Koffer unter der Reizig auf dem Boden u. ließen keine Türen - u. Schrankschloß unverschlossen. Auch hatten wir mal den Gedanken Nikolaus Quillmann im Schulhaus schlafen zu lassen - sind dann aber bald wieder davon abgekommen. Trotz dieser Vorkehrungen dampften wir dann mit etwas bangem Herzen ab. Doch sei hier auch noch unserer Geisterfahrten gedacht. Die Gichenbacher hatten uns ganz über unser Erwarten mit Butter u. Eiern versorgt, welches wir Ihnen nicht vergessen wollen. Aber nicht weniger sorgenvoll 27 war nun das Fortschaffen der Hamsterwaren. Da in den letzten Wochen die Kontrolle auf der Bahn nicht nur von den Wachtmeistern, sondern auch noch von den Arbeiter= u. Soldaten= üben besonders scharf ausgeübt wurde, durften wir nichts selbst mitnehmen, sondern mußten alles mit der Post als Wert= pakete schicken. u. es ist alles wohlerhalten in Cassel an= gekommen. In Cassel selbst hat sich sehr wenig geändert. Viel Leben in den Straßen u. daher - aber wenig feines Publi= kum. Das gebildete Cassel traf man in den Sinfonikon= zerten. Diese Konzerte u. das Theater boten uns wirkliche Genüsse. Nicht zu vergessen seien auch unsere Liederabende an denen wir so nach Gichenbacher Art recht vergnügt u. fröhlich waren. u. doch machte sich bald in uns die Sehnsucht nach unserem Heim bemerkbar, Dienstag d. 22. IV. wollten wir fahren u. Freitag d. 25. IV. waren wir immer noch in Cassel. Der Direktionsbezirk Frankfurt hatte seinen Be= trieb eingestellt, sodaß wir nur bis Bebra gekommen wären. Täglich zweimal erkundigten wir uns auf dem Bahnhof u. zogen immer sehr enttäuscht wieder ab. Endlich Freitag konnten wir abdampfen, beide eine große Freude im Herzen u. beide den bedauerlichen Gedanken im Kopf - ihr Städter seid Narren! O, ihr Narren! 28 Donnerstag, d. 1. Mai 19. heute feiern wir den 1. Mai ob als Nationaltag oder Sozialistenfest oder - man weiß es noch nicht recht. Un= sere Bauern kümmern sich wenig darum. Sie fahren Mist u. Jauche u. der „Martin“ kläppert am neuen Gartenzaun rum. Wir wollten heute zum Wiesenhaus auch die Gersfelder Kollegen wollten kommen, das Wetter ist aber dermaßen schlecht, daß man nicht aus dem Hause kann. Also sieht unser 1. Mai einem Fei= ertag sehr wenig ähnlich. Wir warten sehnsüchtig auf schöne Tage, daß wir endlich mit dem Garten begin= nen könmen. Der Acker ist schon bestellt. Diesmal ha= ben wir Sommerweizen gesät, damit endlich die Ar= mut an Kuchenmehl aufhört!! Dann hat der Sommer= weizen noch die große Annehmlichkeit, daß wir dies= mal keine Kartoffeln zu stecken, zu hacken u. dieszu= machen brauchen, worüber unter den beiden Eheleuten eine große Freude herrscht. Weniger erbaut scheinen un= sere Hühner zu sein. Die armen Tiere sind jetzt viel ein= gesperrt. Mittwoch d. 7. Mai 1919. Am Montag haben wir mit dem Garten begonnen. Die Arbeit geht auch gut vorwärts, nur tun alle Knochen weh. 29 Donnerstag d. 18. Sept. 1919. Heute ist mein lieber guter Vater gestorben. Nun habe ich gar keine Eltern mehr. Möge Gott uns Kinder schenken, um auch einstmals von Kindern begraben u. beweint zu werden. Donnerstag. d. 15. Okt. 1919. Wir freuen uns, wieder in unserem stillen Tal und unserem trauten Heim zu sein. Eben haben wir noch recht viel zu tun mit Garten, Winterversorgung und Schullisten u. s. w. Von den Casseler Tagen mit all ihrem Schmerz, ihrer Freude u. ihrer Arbeit darum später an einem geruhlichen Winterabend bei warmem Ofen, qualmender Pfeife u. gutem Tee mehr. Sonntag, d. 19. X. 19. Wir sind in dieser Woche schon ein ganzes Stück vorran gekommen. Die Nüsse sind abgemacht. Es waren drei Kartoffelkörbe voll- u. lie= gen eben zum Trocknen auf dem Boden. Unsere Korteffelkiste ist voll u. wir haben noch einmal zwei Meter Holz bekom= men. Auch liegt schon der neue Kachelofen im Fremdenzim= mer u. soll nächste Woche aufgestellt werden. Mein Tabak ist aufgeschnürt u. hängt in der Küche hinter dem Herde. Hoffentlich wird er gut u. dauert die Zubereitung nicht allzu lange. - u. dann geht es aber dran! Heute habe ich einen großen Teil meiner liegen gebliebenen Schularbeiten erledigt u. als Entschädigung für all die geleistete Arbeit, gehe ich heute Abend ins Forsthaus, esse guten Zwet= schenkuchen, rauche guten Tabak u. Frauchen darf diesmal auch mit!! 30 Sontag d. 26. X. 19. Habe nun schon über zehn Nächte nicht geschlafen, scheinbar rächen sich jetzt die anstrengenden Casseler Tage, will mich in der Schule etwas mehr schonen u. wir hoffen, daß sich das alte gewohnte Wohlbefinden wieder einstellt. Mittwoch, d. 29. X. 19. Habe nun doch die Schule ausgesetzt u. die Ruhe tut sehr gut. Gestern war Dr. Spahn hier. Lunge u. Herz sind gesund. Er hat mir Tabletten zur Beruhigung der Nerven verschrieben. Nun schläft man wenigstens. Draußen ist heute alles weiß. Die noch grünen Bäume mit dem bedeckenden Schnee machen den Eindruck als blühten sie. Freitag d. 31. X. 19 Ich wollte noch einmal vom Tode u. Begräbnis meines Vaters schreiben. Meine damaligen Briefe werden die Ein= drücke u. Stimmungen am besten wiedergeben, will sie da= rum hier folgen lassen. Cassel, d. 20. IX. 19. Liebes Frauchen! die Art und Weise, wie unser guter Vater gestorben ist, ist so schön, daß man gern immer und immer wieder daran denkt u. es jedem Menschen, welcher den alten Mann gekannt hat, erzählen möchte. Aber nicht mit Tränen in den Augen, sondern mit heller Freude. Denk Dir liebes Frauchen, unser Vater ist in seinem Gärtchen 31 auf seinem Rohrsessel eingeschlafen - so ganz still für sich und kein Mensch ist dabei gewesen. In den letzten Tagen hat es ihm nicht gut gegangen. Er ist aber immer bei vollem Bewußtsein geblieben, was ja auch aus unserem letz= ten Brief zu sehen ist. Auch seinen goldenen Humor hatte er behalten. Einen Tag vor seinem Tode hat er sich mit Deiner Mutter über Theaterstücke unterhalten u. hat Operet= tenmelodien vorgesungen. An seinem Sterbetage hat er noch schön zu Mittag gegessen. Dann hat er gesagt - nun will ich mich noch ein bißchen in den Garten setzen, eben scheint die Sonne so schön, u. ist mit der Zeitung in den Garten gegangen. Dora hat ihm noch sein Pfeifchen u. den Tabak bringen müssen u. dann hat er die Zeitung gelesen. Dora hat unterdessen aufgewaschen u. als sie mal vom Fenster aus nach ihm guckt, sitzt er zurückgelehnt im Stuhl. Die Zeitung war ihm entfallen, er hat aber noch seinen Klemmer auf u. wie Dora zu ihm kommt - war er tot. Da war es 1 Uhr. Zwei Feuerwehrleute haben ihn dann so im Stuhl ins Zimmer getragen. Sein Tod ist so schön u. eigenartig u. man ist dafür so dankbar und glücklich. Wenn man an den braven Mann denkt, so kann man sich über so vieles freuen u. die schönste Erinnerung an ihn, wird für mich, sein Tod im Sonnen= schein sein. Als er dann im Sarg eingebettet war, hat 32 ihm Dora all' seine schönen Rosen aus seinem Gärt= chen mitgegeben. Die Beerdigung ist nun erst Mon= tag um 11 Uhr. Hermann war gestern Abend noch nicht da. Ob er heute Nacht gekommen ist, weiß ich nicht. Als ich kam, war Dora nicht zu Hause. Ich bin dann zu Deinen Eltern u. später zu meinem Bruder Karl, wo ich auch Dora traf. Dora schläft bei Karl u. ich hier bei den Eltern. Wenn du alles erledigt und geregelt hast, so komm. Alle freuen sich auf Dein Kommen. Vor allen Dingen ist Dora froh, daß wir längere Zeit hier bleiben. Recht herzliche Grüße u. Küsse von Deinem Schatze, der ganz ruhig u. zufrieden ist. Gassel, d. 21. TT. 19. Liebes Frauchen! Er ist Sonntagmorgen - Hermann ist mal in die Oberneustädter Kirche gegangen, wohin ihn sein Va- ter als Kind manchmal mitgenommen hat. Dora u. ich sind allein zu Hause. Es ist wohltuend aus all den vielen Beileidsäußerungen, schriftlich oder 33 mündlich, zu sehen, wie allgemein beliebt unser Vater war. Tante? Ida sagte mir - er war ein guter Nachbar, stets hatte er ein freundliches Wort auf den Lippen, oder machte einen Scherz. Das hat mir wohl getan - auch oder trotzdem es von Tante Ida kam. Liebes Frauchen, wenn ich jetzt das Tante so betone, so ist es kein Spott von mir - ich weiß mich eben nicht anders auszudrücken. Seit gestern wohne ich nun wieder am Luisenplatz u. sind wir drei: Hermann, Dora u. ich zusammen. Hermann muß Mittwoch wieder fahren u. ich werde selbstverständ= lich bei Dora bleiben u. wenn du kommst - gell, bringst uns auch das Opfer u. wohnst mit uns zusammen. Wir wollen dann Dora helfen die Wohnung schön in Ordnung bringen, das gibt eine feine Arbeit, welche viel innere Freude schafft. Dora ist glücklich, daß wir so lan= ge bei ihr bleiben können. Seit gestern regnet es u. da könnte man mit jäher Flaischlen zu unserem toten Vater sagen: „Du hast den Sonnenschein mit hinweg genommen“. u. morgen ist sein Beerdigungstag. Pfarrer Frankenberg wird spre= chen. Ich habe für uns einen schönen Kranz bestellt mit Schleife u. folgender Aufschrift: Unserem guten, un= 34 vergeßlichem Vater in treuer Liebe u. herzlicher Dank= barkeit. Hans u. Emmy. Die anderen Geschwister haben Dasselbe getan. Für Doras Zukunft sind die Aussichten ganz hoffungs= voll. Herr Rechnungsrat Otto, welcher auf der Eisen= bahndirektion die Personalien bearbeitet, hat Dora in diesen Tagen getroffen u. ihr Hoffnung auf Wieder= einstellung gemacht. Es ist Aussicht vorhanden, Daß die Geschwister Fuchs zur Dora ziehen. Damit wäre dann unsere Hauptsorge - Wohnung - behoben. Wie ist es nun mit Deinem Kommen? Hast du meinen ersten Brief noch Sontag-früh erhalten? Grüß - bitte alle Bekannten, besonders Frl. Willy u. Försters. Recht herzliche Grüße von Hermann, Dora u. einen herzlichen Kuß von deinem tr. Schatze, der dich immer noch ein bischen lieb hat. 35 Cassel d. 22. IX. 19. Mein liebes Frauchen! Nun haben wir unseren guten, alten Vater neben unserer lieben Mutter eingebettet - u. die Sonne hat dazu geschienen. Wie hat es mir leid getan, daß du, mein liebes Frauchen nicht dabei sein konntest. Es hat furchtbar weh getan u. war doch so schön. Herr Pfarrer Frankenberg hat ihn so wahr ge= schildert mit seinem sonnigen Herzen, seinem goldenen Hu= mor, mit dem er alle Schwierigkeiten des Lebens lachend überwunden hat, mit seinem ein ruhenden Interesse für alle großen u. kleinen Angelegenheiten des täglichen Le= bens, mit seinem Pflichteifer u. seiner Treue in seinem Beruf als Lokomotivführer. Er hat ihn uns als Vorbild hin= gestellt, dem wir nacheifern sollten u. womit wir ihn am besten ehren u. unsere Dankbarkeit erweisen könnten. u. Das wollen wir tun. - wir können viel von ihm lernen. All' die vielen Bekannten waren so teilnehmend u. freundlich, daß einem das Herz noch voller Dankbarkeit ist. Dankbar für den schönen, eigenartigen Tod unseres Vaters, für die würdige Bestattung u. für die hoffnungsfrohe Zukunft unserer lieben Dora. Herzlichen Dank, liebes Frauchen, für Deinen lb. Brief. Ich hatte schon lange darauf gewartet u. als ich ihn heute bekam, habe ich ihn zu mir gesteckt mit dem Gedanken, ich bringe 36 zur Totenfeier auch ein Stück von meinem lieben Frau= chen mit. Du bist in der Stunde ganz nahe bei mir u. uns gewesen, ich habe es gefühlt. Ich habe ganz leise zu meinem Vater gesagt - sieh, lieber Vater, die schönen Blu= men sind von mir u. Emmy u. wir haben dich doch immer so gern gehabt. Da hat er genickt u. ge= lacht. Wir haben nun die ganzen Tage im Zimmer gesteckt u. sind davon ganz benommen, darum wollen wir heute Nachmittag einen Spaziergang nach Wilhelms- höhe machen. Gell Frauchen, auch da bist du bei und u. heute Abend wollen Hermann, Dora u. ich zu Deinen Eltern. Lieb, wann kommst du nun? Ich werde so oft gefragt u. kann dann nie bestimmt antworten. Komme recht bald u. bring uns Ruhe u. Waldluft aus unserem schönen stillen Gichenbachtal mit. Recht herzliche Grüße u. Küsse von Deinem tr. Schatze, der Dir heute so dankbar ist u. Dich um so manches um Verzeihung bitten möchte. 37 Gichenbach, d. 14. (Freitag) XI. 19. Gestern Abend waren wir in Rommers bei Familie Elm. Wir hatten Emmy Barthelmes, welche uns zwei Tage besucht hatte, bis Rommers gebracht u. dachten ja bei Tag noch nach Hause zu kommen. Nachher fühlten wir uns aber bei den Rommersens so wohl, daß wir erst um 11 Uhr aufgebrochen sind. Frl. Emmy mußte allein nach Gersfeld. Wir bekamen eine gute Laterne mit u. so sind wir sehr gut heim gekommen. Ich glaube, nun machen wir den Besuch noch öfters, wenn es auch Nacht dabei wird. Es war eine wunderschöne Winternacht u. hat mir der Gang durch den winterlichen Wald recht gut gefallen. Mittwoch, d. 26. XI. 19. Wir hatten schon einmal Winter, haben auch einen Tag Schnee- schuhe gelaufen. Doch nun ist aller Schnee fort u. es ist wieder wärmer geworden. Ist auch gut. So konnten wir gestern unseren Garten fertig abräumen. Auch habe ich noch die Hälfte des Gartens zu graben u. auch die meisten Bäume zu düngen. Im Stall liegen auch noch 2m Holz, welche noch vor Weihnachten gesägt u. gespalten werden sollen. Wir haben jetzt jeden Abend Hühnerdressur. Heute konnten glücklich sechs Stück die Leiter hinauf. Hoffentlich können morgen alle elf das Kunststück, Ich war heute im Dorf um unsere Körner zu bezahlen. Habe aber niemand zu Hause ange= troffen. Unsere Bauern mähen ihre Wiesen oder fahren Holz. Es herrscht eben unter den Gichenbachern viel Unruhe u. Auf= 38 regung über den neuen Bürgermeister. Bei der letzten Wahl ist unser alter Bürgermeister, Johann Gutermuth, nicht wieder gewählt worden. Er hat über 20 Jahre der Gemeinde treu vorgestanden, ist auch gegen uns im= mer sehr behilflich u. freundlich gewesen, wofür wir ihm auch an dieser Stelle herzlich danken wollen. Sein Nachfolger ist Paulus Müller geworden, da nun gegen denselben eine Anzeige wegen Holzdiebstahl vorliegt, ist er vom Landrat noch nicht bestätigt wor= den. Paulus Müller besitzt unser Vertrauen nicht, weshalb wir auch den Bürgermeisterwechsel sehr be= dauern. Freitag d. 28. XI. 1919. Gestern u. heute hatten wir herrliches Wetter, darum ging es auch mit den Arbeiten im Garten u. an den Bäumen flott voran. Die Bäume sind nun alle gedüngt u. der Garten ist bis auf ein kleines Stück fertig umgegraben. Dies Schaffen im Freien tut sehr gut u. man fühlt sich körperlich so wohl, besonders wenn man dann abends bei langer Pfeife u. einem Krug Bier im warmen Zimmer sitzt u. Frauchen Nüsse knackt u. ißt. Dienstag, d. 2. Dez. 1919. Prof. Soldan hat mal wieder in Gersfeld ein Konzert ge= geben. Man muß sich immer bei ihm über den großen Unterschied zwischen Mensch u. Künstler wundern. Darum 39 ist auch unser Interesse für die Persönlichkeit größer als für sein künstlerisches Können. Wenn man seine Unbeholfen= heit u. große Uneigennützigkeit beobachtet, so empfindet man Mitleid mit dem Menschen, nur weiß man nicht recht, wie man dem alten Herrn helfen soll. Möge ihm noch ein schönes Alter beschieden sein. Donnrstag, d. 18. XII. 19. Die Weihnachseinkäufe in Fulda sind gemacht. Spiritus u. Kerzen haben wir auch noch einmal bekommen. Also kann im Schulhaus das Weih= nachtsfest in hellem Glanze gefeiert werden. Dora, welche wir zum Feste eingeladen hatten, ist durch den Fall mit dem Dieb, welcher bei ihr in das Fenster eingestiegen war ängstlich geworden u. möchte die Wohnung längere Zeit nicht verlassen. Auch Erna u. Kurt, welche wir zum Schneeschuhlaufen eingeladen haben, schreiben ab. Sie scheuen die unangenehme Bahnfahrt. Gichenbach soll elektrisch Licht bekommen. In dieser Frage sind die ersten „Licht"-Versammlungen der Gemeindevertretung u. des Schulvorstandes. Auch sind schon Fragebogen über Anzahl der Flammen u. Motorstärke in den einzelnen Haushaltungen verteilt. Im Herbst 1920 soll das Überlandwerk für die Kreise Fulda - Hünfeld, Schlüch= tern schon im Bebrieb sein. Möge die Sache gut gedeihen - Dann wird es noch schöner u. angenehmer im Gichenbacher Schulmeister-Nest. Freitag, d. 26. XII. 19. Zweiter Weihnachtstag - als wir unseren Christbaum im Walde hol= ten lag noch hoher Schnee u. die Fichten senkten ihre schwer behange= nen Äste zur Erde. Aber schon am heiligen Abend war aller Schnee verschwunden u. die braunen und grünen Ackerstreifen 40 lagen naß u. glänzend unter dem trüben regnerischen Himmel. Und so ist es heute auch noch. Wenig weihnachtliches Wetter! Heilig Abend hatte sich dann un= sere kleine Weihnachtsgesellschaft wieder pünktlich eingestellt. Frau, Anna u. Frieda Quillmann, Friedrich u. Lisette Maul Georg u. Erna Weg. Unsere gute Luise fehlte. Sie ist nach Hettenhausen verdingt u. wird dort auch ein wenig Weih= nachtsfreude erlebt haben. Dafür war diesmal als neuer Gast Rosa erschienen. Die kleine trollige Rosa mit ihren strahlenden Augen u. plappernden Mäulchen stand im Mittelpunkt, des ganzen Abends. Frauchen u. ich haben dann noch allein unter unserem Christbaum gesessen u. haben nach stimmungsvollen Weih- nachtsgedanken in unserer Germanenbibel gesucht. Mittwoch d. 31. XII. 1919. Letzter Abend im alten Jahr! Wenn man das alte Jahr im Geist noch einmal an sich vorüber ziehen lassen will, wo= zu man am letzten Tage immer sehr gern geneigt ist, so fällt das mir diesmal sehr schwer, denn immer wieder drän= gen sich die Gedanken an die Gebrüder Rohlhöfer u. an Hermans letzten Brief vor u. lassen die Erinnerungen anderer Menschen u. Taten gar nicht hoch kommen. Tuen wir uns darum auch keinen Zwang an u. bleiben wir einmal bei diesen armen Großstadtkindern stehen. Der alte Rohlhöfer war Schuster, dann hat er das Gewerkschaftshaus in Fulda gehabt. Der älteste Sohn wollte Musiker worden, fing bei Heber an zu studieren, bis 41 ihm nach vier Jahren gesagt wurde, daß dieser Beruf wenig aussichtsreich für ihn sei. Nun ließ er sich in Frankfurt als Schauspieler ausbilden - war daneben auch, sicher durch den Ein= fluß seines Vaters, politisch sehr tätig. Dann wurde er Soldat, als Pazifist sträubte er sich gegen die Waffe – da er den offe= nen Kampf nicht wagen konnte - meldete er sich dauernt krank, bis es ihm dann gelang sich von einer Granatfabrik reklamieren zu lassen. Hier hat er nun 2 Jahr bald bei Tag bald bei Nacht an der Drehbank gestanden u. manche Grana= te verdreht, wie er sagt. Erst kürzlich wurde er nun von ei= ner Kommission geprüft, ob er sich auch als Schauspieler eigne u. wurde von der Kommission abgelehnt. Dies mag wohl für den jungen Menschen der härteste Schlag gewesen sein. Er denkt nun daran in den Buchhandel zu kom= men - möge es ihm gelingen. Der kleine Rohlhöfer ist Musiker - 18 Jahre alt, besucht das Konservatorium in Frankfurt. Um den Lebensunterhalt bestreiten zu können muß er abends in der Westenddiele den Schiebern Musik vormachen. Immer sehe ich noch das blasse spitze Ge= sicht auf dem dunklen Halstuch stecken. Arme, kranke Menschen. Euer Leben wird ewig Sehnsucht bleiben. - u. Hermann hat recht bald grünen Wald - ruhige Menschen nötig. Die Volksbeglücker wie Plievier geben ihren armen leidenden Mitmenschen mit ihren Idiologien Anarchie -Ehe - usw. mehr Peitschenhiebe auf die blutenden Wunden als Balsam! 42 Montag, d. 5. Jan. 1920. Heute wollten Erna u. Kurt kommen. Wir hatten ihnen noch mitgeteilt, daß es mit Schneeschuhlaufen nichts sei, da wir keinen Schnee hätten, daraufhin werden sie auch in Cassel geblieben sein. Ist auch gut, denn Frauchen geht es seit ei= nigen Tagen gar nicht gut u. ohne Besuch kann sich Frauchen doch besser ruhen u. wird dann hoffentlich recht bald wieder die Alte sein. Sonntag, d. 11. Jan. 1920. - - u. sie sind doch gekommen. Der Zug von Bebra hatte sehr viel Verspätung, so daß die Beiden in Fulda übernachten muß= ten. Mit Schneeschuhlaufen war es nichts, wir haben aber trotz= dem die Tage sehr schön zusammen verbracht. Frauchen hatte sich auch wieder ganz gut rausgetrabbelt. Nach den letzten Tagen konnten dann Kurt u. ich Schneeschuhelaufen, was ihm furchtbar viel Spaß gemacht hat. Er war abends ganz unend= lich im Erzählen seiner ersten Schneeschuherlebnissen, was er auch dann sehr schön mit Wigzen im Gästebuch festgehalten hat. Wie gern wäre er nun noch einige Tage hier geblieben u. gestern waren wir bei fürchterlichem Wetter mit Herr u. Frau Kuinim zum Hausball in Altenfeld. Es hat uns aber dennoch nicht gereut. Trüber geiße u. Goldbachs Kuchen hat uns hinreichend für den unangenehmen Hinmarsch entschädigt. Heute ist nun das Wetter noch toller. Das Wasser ging in kur= zer Zeit so bedenklich hoch, daß dem FNikoläuschen seine Hoch= zeitsgesellschaft sich schon vor der Nacht trennen mußte u. wenn Karl Quillmann seine Schwester Anna nicht durch das Wasser 43 auf den Steg gehuckelt hätte, was dem Karl natürlich furchtbaren Spaß gemacht hat, dann wäre die Anna heute Nacht nicht in ihr Bett gekommen. Ich glaube kaum, daß ich morgen Schule halten kanm. Montag, d. 12. Jan. 1920 So ist es auch gekommen. Das Unwetter hatte in der Nacht noch stark zugenommen. Der Regen schlug mit einer Gewalt an un= sere Schlafzimmerfenster u. der Sturm tobte gegen unser Haus, daß Frauchen ein Unglück befürchtete. Das Unwetter hat aber dem Schul= haus nichts angetan. Am nächsten Morgen lagen nur zwei Blu= menbretter unten, der eingehängte Zaun zwischen dem Haus u. dem Stall war umgeweht u. ein Stück des Gartenzaunes war abgerissen. Von Storchs Hause hatte der Sturm ein paar Zie= geln mitgenommen. Als ich aus dem Hause trat, saß der Franz schon auf dem Dache u. flickte die schadhaften Stellen. Am schlimmsten hatte das Wasser am Steg u. an der Wirtschaft gewütet. Die Straße ist aufgerissen, die Steinplatten, welche zum Steg führten sind hoch gehoben u. fortgeschwemmt, so daß man auf den Steg, wel= cher wohl wieder vom Wasser frei ist, gar nicht kommen kann. Durch Maul's Garten sind tiefe Gräben gerissen u. alle Kohlrüben, welche hier eingegraben waren, sind fortgeschwemmt, bis auf wenige, welche noch im Hausgarten vestaut sind, woran man erken- nen konnte, wie hoch das Wasser während der Nacht gestanden hat. Maul's Keller war voller Wasser. Noch gegen 10 Uhr abends haben Mauls mit Hilfe einiger Gäste versucht vor die Kellerlöcher 44 u. Kellertür einen Damm aus Mist u. Erde zu bauen , hat aber nichts genützt. Plötzlich ist das Wasser in den Kellereingang geschossen u. innerhalb weiniger Minuten war der Keller voller Wasser, sodaß die Kartoffeln schwammen. Der Hof ist ebenfalls aufgerissen u. hier hat das Wasser viel gespaltenes= u. Knüppelholz mitgenommen. Vom Holzschuppen sind ei= ne ganze Anzahl Ziegeln hochgehoben. An Quillmanns Zaun hat das Wasser große schwere Steine losgerissen u. mitgenom= men. Um den Verkehr wieder herzustellen haben Karl u. Willi Weg einen Notsteg gebaut, sodaß gegen 11 Uhr der Briefbote den bis dahin abgeschnittenen Gichenbachern die Post bringen konn= te. Samstag, d. 24. Jan. 1920. Nun wird schon seit 2 Tagen an der Straße u. dem Steg gearbei= tet. Wilh. Seuring u. Ferdinand Füller, welches unsere "Gäulsbauern" sind, fahren Steine an. Das Wetter ist eben herrlich u. habe ich heute bei warmen Sonnenschein am Zaun u. an den Bäumen her= umgekläppert. Bin auch dieser Tage mit Rosegggers Erdsegen fertig geworden. Der „Erdsegen" gibt großen Mut. Möge unse= rer Liebe zum Bauerntum und zum Land, der Urheimat aller Menschen, recht viel Erdsegen beschieden sein! Freitag, d. 6. Febr. 1920. Gestern ist Frieda Trippstein gekommen. Morgen wollen wir zur Kissinger-Hütte wandern. Das Wetter ist herrlich. Wir freuen und sehr. 45 Mittwoch d. 11. Febr. 1998. von unserer Kissinger-Hütte. Ich sage unsere Hütte. Da man nun richtig das Gefühl hat, das trauliche Häuschen mit dem großen Ka= chelofen, dem Herrgottswinkel, der Standuhr, den schönen Bildern, wäre ein Stück von uns, davon auch nur haben wir alle die kommen u. den Kessel - die Tassen u. die Gläser so sorgfältig sauber gehalten. Die Tücher fein ordentlich zum Trocknen aufgehängt u. die Stube tüchtig ausgekehrt, u. als wir dann das Häuschen verließen, kam uns allen die Sorge ins Herz - ob es ihm wohl fürmahin gut ergehen würde u. mit einem stummen „Behüt dich Golt - bis wir wieder= kommen" haben wir ihm den letzten Abschied zugewinkt. Möge es uns recht bald vergönnt sein, wieder so schön, befreiende Stunden in dem von allen Alltagssorgen u. =gedanken schützenden Mauern der kleinen Hütte - hoch oben auf dem Berge zu verbringen. Montag d. 23. Febr. 1998. Heute sind es acht Tage, daß mich mal wieder die Grippe plagt. Nun geht es aber wieder besser u. ich gedenke Mittag wieder Schule halten zu können. Frieda Trippstein ist heute mit dem ersten Zug wie- der nach Cassel gefahren. Wir haben wunderbares Wetter. Mittwoch d. 17. März, 1920. Heute will ich von meiner ersten Jagd erzählen. Um endlich den im= mer unangenehmer auftretenden Wildschweinen entgegenzutreten, wurde eines Tages vom Landratsamt eine Polizeijagd angesetzt. Außer den hiesigen u. Waldthausenschen Förstern wurden noch wir Schulmeister zu dieser Jagd eingeladen. Beide konnten wir aber erst Nachmittags daran teilnehmen. Auf der Zingelhütte verorteten Staubitz, Nater u. ich die Herre welche schon im Laufe des Vormittags den Grostlag -Frekental u. Atterstell 46 abgetrieben hatten u. infolgedessen ziemlich erschöpft dort oben an= kamen. Nun wurde alle Hoffnung auf diese letzten Treiben ober= halb der Zingelhütte gesetzt. Schon beim ersten Treiben kam ein Fuchs, welcher aber leider von Herrn Förster Bräler gefehlt wurde. Als wir dann heimwärts wieder in die Nähe des Fuchswechsels kamen, ließ sich das Füchslein abermals blicken. Ganz vorsichtig schritt es aus den Fichten heraus. Als es mich sah, wendete es den Kopf, als wollte es zurück. Da oberhalb vom Fuchs der Forstreferendar stand, kam ich leider noch nicht zum Schuß. Ich hatte darum meine Hoffnung auf den guten Fang aufgegeben. Plötzlich springt der Fuchs in einem großen Satz doch über die Straße. Ich lege an - schieße u. habe ihn nicht getroffen. Das war mein erstes Stück Wild auf das ich geschossen habe. Trotzdem es ein Fehlschuß war, hat mir die Jagd doch großen Spaß gemacht. Einige Tage später haben Herr För= ster Kniwirn u. ich uns nachts auf Wildschweine angesetzt. Durch un= sere nächtliche Unterhaltung über Jagdfreuden u. Jagderlebnisse bin ich nun noch mehr für die Jägerei begeistert. Habe mir nun schon bereits ein Gewehr u. 50 Patronen gekauft u. hoffe in späteren Jahren, wenn ich nicht mehr so recht mit dem jungen Volk scherzen u. wandern mö= ge ein wohlhabender Jagdpächter mit Flinte u. Hund zu sein, der dann noch recht viel Freude am Wald u. Wild erlebt. Sonnabend, d. 20. März 1920. Gestern war der Baumschneider da - es geht langsam dem Früh= ling zu. Die Stachelbeersträucher sind schon grün. Heute habe ich selbst= gezogene Johannisbeersträucher gepflanzt u. gleich wieder frische Ab= leger gesteckt. Das Holz ist auch schon alle daheim. Nächste Woche soll es klein gemacht werden. Es sollte mich freuen, wenn wir vor Ostern noch mit dem Holz fetig würden, um dann un= 47 gestört im Garten arbeiten zu können. Donnerstag d. 25. März 1920. Hinter mir rattert die Nähmaschine. Frl. Milly u. Frauchen arbeiten am Osterstaat. Diesmal soll es nach Frankfurt gehen. Jedoch sind die augenblicklichen Tage durch den Kapp-Lüttwitz-Putsch noch derartig unruhig, daß man noch sehr an der Verwirklichung der Osterfahrt zweifelt. Ernst hat sich mit der Marburger Studentenschaft als Zeitfreiwilliger gestellt u. schrieb uns heute bereits, daß die Reichswehr Eisenach besetzt habe. Möge er in diesen schmählichen Aufständen bewahrt bleiben. Freitag, d. 21. Mai 1920. Morgen beginnen die Pfingstferien. Der Garten ist nun fertig bestellt u. alles im Hause, Hof u. Garten schön sauber - so wie ich es gerne habe - recht sonntäglich. Wir wollen nun über die Festtage Karl u. Else in Bebra besuchen. Karl u. ich werden dann von dort nach Homburg zu unserer Klassenzusammenkunft fahren. Ich bin voll freudiger Erregung. Mögen die Stunden des Wiedersehens frohe Erinnerungen wecken u. uns dem Leben gegenüber recht dank= bar stimmen. Den Rest der Ferien gedenken wir dann gemein= sam mit Karl u. Else hier bei uns in Gichenbach zu verbringen. Schon mehrmals wollte ich noch nachträglich von unserer Reise nach Frankfurt - Wiesbaden - Mainz schreiben. Nun, es wird sich schon noch eine geruhigte Stunde finden, in der ich es nachholen kann. Montag d. 7. Juni 1920. Täglich haben wir im Garten geschafft. Es ist zwar noch alles ziem- lich weit zurück, da wir erst spät ausgestellt haben - aber es macht uns viel Freude. 48 Montag, d. 6. Sept. 1920. Nachdem das erste Plakat an Storchs Scheunentor heruntergerissen war, hat nun der Gemeindediener diese Tage ein neues ganz hoch mit unzählig viel Nägel festgemacht u. der Bürgermeister hat im letzten Nachbarsbrief den Übeltätern mit Zuchthaus ge= droht. Auf dem Plakat wird zur Waffenabgabe aufgefordert. u. jedem, der ein Militärgewehr rechtzeitig abgibt, 100 Markt versprochen. Andernfalls eine Geldstrafe von unendlich viel Tau= senden. Die 100 Mark reizen mich ja nun auch etwas meine alte Knarre abzugeben. Es ist ein Karabiner, welchen ich im vorigen Herbst von Herrn Förster Brähler in Altenfeld mit 50 Schuß für 50 Mark erstanden habe. Auch als Pazifist müßte ich die Mordwaffe schon hergeben - jedoch halte ich es für sehr gut, ein kleines Abschreckungsmittel gegen Apfeldiebe u. sonstige Haus= friedensstörer im Hause zu behalten. Sonntag d. 14. Nov. 1920. Unsere Gedanken sind eben oft nach dem Dammersfeld gerichtet. Dort hat der Rhönklub (Zweigverein Frankfurt u. Würzburg) das ehemalige Pferdelazarett gekauft u. soll nun das Wohnhaus zu einer Wander= hütte, ähnlich der Kissinger Hütte, eingerichtet werden. Wir freuen uns sehr nun auch eine Hütte in unsere Nähe zu bekommen u. dabei mithelfen zu können. Um uns nun das ganze Anwesen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen sind wir heute früh hinauf gewan= dert. Bis jetzt sieht es ja noch sehr bös da oben aus. Fast alle Fenster fehlen u. die Schalten sind vorläufig mit Latten zuge= nagelt. Vom Dach sind viele Ziegeln heruntergeweht. Auch müßte der große Stall verschwinden u. um das Haus noch Ordnung ge= schaffen werden. Auf dem Wiesenhaus sahen wir Herrn Laux u. Herrn 49 Straub. Sie erzählten, dass bereits Militärbetten unterwegs sind, ein großer Herd gekauft ist u. morgen die Handwerksleute mit den notwendigsten Arbeiten beginnen würden. Möge die Instand= setzung des Häuschens recht gute Fortschritte machen, daß wir schon diesen Winter manchmal dort oben wohnen können. Bei dichtem Nebel u. frischem Wind stiegen wir wohlbefriedigt wieder in unser Tälchen. Es war ein schöner Sonntag. und um dem Festtage noch die Krone aufzusetzen, hat eben Frauchen ein Maßerl Bier aus der Hütte geholt. Das schmeckte vorzüglich. Prosit! Montag d. 29. Nov. 1920. Einen so schönen Herbst haben wir bis dahin in Bichenbach noch nicht erlebt. Die unangenehmen naßkalten Nebelwochen sind diesmal ausgeblieben, dafür haben wir schönen Sonnenschein u. trockene feste Straßen u. Wege. Dies herrliche Wetter läßt uns den Winter viel kürzer erscheinen. Die Proben zur ersten Weihnachtsaufführung unserer Schulkinder machen viel Arbeit ich hoffe aber, daß gutes Gelingen uns reichlich mit Freude wieder entschädigt. Auch die Nachhilfestunden des Kriegsbeschädigten Johann Kreiß, welcher gern zur Post will, haben mir schon man= chen freien Nachmittag geraubt. Möge nun auch die Arbeit nicht unnütz sein. Frauchen arbeitet schon fleißig an Weihnachtsge= schenken. Sonstige Weichnachtspläne kann man noch gar nicht fassen, da es uns diesmal am Geld fehlt. Es ist auch eine Schande, daß das uns zustehende Gehalt bis heute noch nicht voll ausgezahlt ist. Viel größer als bei uns, müssen die Sorgen in kinderreichen städtischen Beamtenfamilien sein. Täglich liest man auch in der preußischen Heferzeitung Artikel über die Not der deutschen Beamten. 50 Freitag, d. 3. Dez. 1920. Die Schüler sollen Weihnachten Theater spielen. Es wird schon fleißig geübt u. morgen will ich nach Fulda fahren um künstliche Bärte u. unechten Nordpolschnee zu kaufen. Hoffent= lich bleiben Regisseur u. Schauspieler gesund, daß uns nicht die ganze Freude genommen wird. Donnerstag d. 9. Dez. 1920. Wir haben nun Winter. Wie oft hat man nun schon unser Täl= chen im Schnee gesehen u. doch hat das alte gewohnte Bild im= mer wieder etwas Neues an sich, etwas so herrliches, daß man sich gar nicht genug satt daran sehen kann. (Vor einigen Tagen war ich auch mit Pater auf dem Dammersfeld um nach der neuen Rhönhütte zu schauen. Es ist schön fleißig da oben geschafft worden u. doch noch recht viel zu tun, zumal in 14 Tagen schon die Einweihung gefeiert werden soll. Ich glaube noch nicht daran, zumal bei dem hohen Schnee nun keine Geräte u. Möbel hinaufgeschafft weden kön= nen. In dem ersten Zimmer sah es noch echt bunt aus. Eine Schreinerwerkstatt mit zwei Hobelbänken, die Wände vol= ler Bretter gestellt u. der Fußboden bis an die Knöchel mit Spänen bedeckt. Aber das Öfchen brannte u. damit war dem Haus schon etwas anheimelndes gegeben. Auf einem proviso= risch zusammengehauenen Schemel saß eine Frankfur= terin u. stickte mit rotem Garn Zeichen in die Koltern. Die Schreiner arbeiteten eine Tür u. zwei andere Dalheder verschalten in Außenwände des Nebenraumes. Die Handwerksleute wohnen die Woche durch schon in der Hütte, die Dame wohnt im Wie= senhaus. Es ist schön, das Werden der Hütte miterleben zu dürfen. 51 Sonntag d. 2. Jan. 1921. Das Schönste vom Weihnachtsfest war die Feier unserer Schulkinder. Die Kinder haben ihre Sache sehr gut gemacht u. der Abend verlief ohne jegliche Störung recht stimmungsvoll. Das, was ich beabsichtigt hatte, nämlich die Jugend u. die Erwachsenen um einiges inner= lich reicher zu machen, ist mir, glaube ich gelungen. Schon an der großen Stille im Saal konnte man merken, daß das Spiel der Kleinen die Zuhörer packte. Auch konnte man beobachten, daß der Bürgermeister - sonst kein vollwertiger Mensch - als er zum Schluß seinen Dank aussprach, von dem Gehörten u. Gesehenen innerlich bewegt war. Frau Quillmann sagte am nächsten Tag - da hätte ich noch stundenlang zusehen können. Das war mir lieber als sonst das "Gegröhl" bei der Musik: Was ich meinen Gichenbachern an dem Abend sagte: Liebe Gichenbacher! Zunächst heiße ich Sie herzlich willkom= men. Ich freue mich, daß Sie in so großer Zahl der Ein= ladung zu unserer Weihnachtsfeier gefolgt sind u. danke Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen. Auch von Auswärts sind Gäste er= schienen, welche ich hiermit gleichfalls herzlich willkommen hei= ße. Möge es Ihnen recht gut bei uns gefallen. Vor allen Dingen danke ich den Eltern, welche mich in so bereitwilliger Weise bei der Beschaffung von Kleidungs= u. anderen Ausstattungs= gegenständen unterstützt haben. Mein nächster Dank gilt meiner Frau. Werfen Sie mir keine Unbescheidenheit vor, wenn ich hier öffentlich meiner Frau für ihre Mühe u. Arbeit herzlich danke. Was nun am heutigen Abend an Ihnen vorüberziehen 52 wird, hat eine wochenlange Arbeit gefordert, bei der man= ches harte Wort gefallen ist. Aber trotzdem sind die Kinder un= verdrossen geblieben u. haben immer u. immer wieder mit viel Eifer gelernt u. geübt. Und für diesen Fleiß u. für die Ausdauer muß ich Euch hier vor der ganzen Gemeinde loben. Erwarten Sie nun nicht zu viel, denn es sind nur Kinder, u. sollte einer der kleinen Schauspieler einen Fehler machen dann möchte ich Sie bitten, das Kind nicht in Verlegen= heit zu bringen. Gefällt Ihnen aber das Spiel, dann sparen Sie mit Ihrem Befall nicht, denn die Kinde freuen sich, wenn Ihre Leistungen auch anerkannt werden. Und nun Ihr Jungen u. Alten, denkt zurück an Eure eigene Kindheit, dann werdet Ihr am ehesten das Singen, Tanzen und Spielen der Kleinen verstehen. Mögen wir alle recht viel Weihnachtsfreude mit heim nehmen. Auf daß, trotz dem furchtbaren Jammer unserer Zeit, die uralte Weihnachts= botschaft: Friede auf Erden u. den Menschen ein Wohlgefallen, auch an uns wieder in Erfüllung gehen. Mittwoch d. 12. I. 1921. Vergangenen Samstag haben wir das Haus Franken einge= weiht. Ich hatte mir die Feier etwas stimmungsvoller gedacht. Die Lagern schienen sich aber in dem Lärm sehr wohl zu fühlen. Für uns begann es erst angenehm zu weden nachdem sich der große Haufen verloren hatte. Anwesend waren die Lehrer 53 von Reußendorf, Wildflecken, Oberbach, Oberriedenberg, Silberhof, Kothen, Motten, Herr Kircher, Schäfer, Staublitz, Pater, die Förster von Reußen= dorf, Kothen u. zwei Wachtmeister von Oberbach außerdem noch ein 70 jähriger von Oberbach. In der Nacht setzte ein starker Sturm ein, sodas es sehr kalt war u. ich trotz der vielen Decken nicht warm wurde. Jedenfalls wird man bei großer Kälte nicht ohne Feuer dort schlafen können. Sonntag d. 27. II. 1921. Heute früh sind wir von Gersfelder Rhönklubfahrt gekommen. Es wäre besser gewesen, wir wären daheim geblieben. So ein ödes Fest haben wir noch nicht mitgemacht. oder ob wir unter fröh= lichen Menschen nicht mehr fröhlich sein können? Auch nur, die Menschen waren alle nicht fröhlich. Es fehlte aber auch der geringeste Hauch unserer schöne Rhönberge, wie er doch eigentlich in einem Wanderverein herrschen sollte. Natür= lich bei Tischen mit dichtbesetzten Weinflaschen u. Sunkinz= Eodoway- gestellen kann sich kein Naturfreund wohlfühlen. Wir lassen den Gersfeldern ihren simplen Gesellschaftsersatz u. suchen uns reine Freude beim Wanden im Heinenkittel auf unseren Bergen. Sonntag, d. 20. III. 21. Frauchen ist in Cassel u. ich werde Mittwoch oder Donnestag nachfahren. Diesmal haben wir Malheur mit unserem Koffer gehabt. Wie Frauchen schreibt, ist er unterwegs aufgeschlossen worden. Es fehlen, ein Unterrock, 1 Pfund Butter, 27 Eier u. eine Wurst. Er ist sehr unangenehm u. beunuhigt u. doch sind wir 54 noch sehr froh, daß keine Kleider fehlen. Man macht sich nun auch Sorge, das Haus längere Zeit unbewacht zu lassen. Hoffentlich kommt nichts vor. So ganz allein ohne Frau= chen ist doch sehr sehr öd. Das habe ich heute am Sonntag so recht empfunden. Nachdem ich in Hettenhausen bei Stolz Mittag gegessen hatte, bin ich mit Gebrüder Walther u. Herr Huß nach Gersfeld gefahren. Sehr gelangweilt haben wir bei Lukas u. im Kaffee Selig gesessen u. sind dann mit hohlem Kopf u. Herzen wieder heim gegangen. Mein bissel Arbeit u. die Freude des Fortschritts hat mich dann wieder in das Gleichgewicht gebracht. Sonntag d. 21. III. 1921. Heute besuchte mich Wagler. Ich kalkte gerade die Obstbäume, bis auf Kleinigkeiten sind nun die vorgenommenen Arbeiten im Garten vollendet. Wir sprachen viel von der Oberschlesischen Abstimmung u. freuten uns, daß diese Abstimmungen einen Schritt weiter zum Pazifismus bedeuten. Frauchen hat mir bis heute schon zwei Briefe geschrieben u. mir sogar ein Weiß= brot geschickt, sie muß sich doch Sorge um mich machen. In drei Tagen werd ich wieder mit meinem lieben Frauchen zusammen sein. Mittwoch d. 13. IV. 1921. Als heute die Schulkinder auf unserem Acker Steine lasen, hat Berta Güsch meinen Trauring wiedergefunden. Freude= strahlend kam sie angesprungen u. rief: Ich habe einen Ring gefunden. Vier Jahre ist er nun verloren gewesen. 55 Im ersten Frühjahr 1917 habe ich ihn scheinbar beim Kartoffel= stopfen verloren. Der Acker ist jedes Jahr gepflügt, geegt oder beharkt worden u. endlich ist er wieder ans Tageslicht ge= kommen. Der Ring hat nun seine Geschichte u. ist mir dadurch noch wertvoller geworden. Mittwoch d. 20. IV. 21. Unsere Kaiserin ist tot. Als Kinder haben wir sie oft gesehen, wenn sie zum Sommeraufenthalt nach Wilhelmshöhe fuhr. Waren es auch nur Sekunden, daß wir die hohe Frau sehen konnten, so waren wir doch glücklich, mal wieder ganz nahe bei der Kaiserin gewesen zu sein. Die Zeitungen widmen der Entschlafenen herz= liche Nachrufe, in denen sie als das Vorbild der Frau u. Mutter hingestellt wird. So haben auch wir sie immer nur ken= nen gelernt u. wollen ihr in diesem Sinne ein ehrendes Andenken in unserem Herzen bewahren. Außerdem kann uns die erhabene Würde, mit der diese hohe Frau das tragische Ende ihres Lebens ertragen hat, auch vorbildlich u. kraftgebend sein für die kleinen Kümmernisse unseres unbedeutenden Lebens. Donnerstag, d. 5. Mai 1921. Heute wollten wir mit Familie Kuirien zur Ebersburg u. über den Wachtküppel, die Stendelmühle nach Gersfeld. Als wir aufwachten, war über Nacht der Winter noch einmal zu uns gekommen. Der Schnee lag einige Zentimeter hoch geschlossen, die belaubten Bäume u. Sträucher hingen tief ihre vollbeladenen Äste herab. Es war ein eigenartiges Bild, unter den verschneiten Zweigen hier u. da eine rötliche Apfelblüte hervorleuchten zu sehen. Das war am Himmelfahrtstage 1921. Noch nicht digitalisiert: Seiten 56 - 118 119 das Naturfreundehaus ist ein massiver Bau mit angebau= ter Veranda. Es ist erstaunlich, wie in dieser Höhe ein solches Haus mit seiner vollkommenen Einrichtung er= stehen konnte. Nachdem wir uns geruht hatten, hielten wir Ausschau nach den mächtigen Berggruppen u. sahen im Osten die Olperer, Schrammacher u. Kraxentrager - im Süden die Tribulaungruppe u. ganz fern am Horizont die mächtigen Zacken der Dolomiten. Dann stiegen wir mit Stolz u. Dank im Herzen wieder hinunter ins Tal. Erfrischten uns auf halber Höhe an dem Gebirgsquell u. suchten uns die ersten Alpenrosen. Dienstag, d. 5. VII. 1927. Vormittags gönnten wir uns noch Ruhe u. am Nachmittag gingen wir mit den Geschwister Schirme durch das Gschnitztal nach Steinach. Auf der Veranda des Hotels zur Post erlaubten wir uns eine Portion Eis u. beobachteten dabei den Fremdenverkehr, wobei man auch Protzentypen feststellen konnten. Abends, wie üblich gutes Abendbrot - ein wenig Unterhaltung u. dazu ein Gläschen Terlaner. Mittwoch d. 6. VII. 1927. für heute hatten wir uns den Blaser vorgenommen. Einmal das Verlangen mal wieder einen Berg zu bezwingen u. zum andern die Aussicht, dort oben vielleicht Edelweiß zu finden hielten uns nicht mehr im Tal. Herr Jung mit seinen Töchtern war bereits vorgegangen. Geschwister Schirme + ich hetzten nach. Frauchen machte zum ersten Mal nicht mit. Der Auf- stieg war nicht beschwerlich. Kurz vor dem Ziel muß= ten wir zwar ruhen u. erfrischten uns an altem Schnee. Der Rundblick war herrlich: Insbruck - Hungerburg – Kaisergebirge - Olperer-Gruppe - Tribulaun - Habicht. 120 Kirchdachspitze, u. in unmittelbarer Nähe (nordöstlich) Seeles - Kesselspitze - Wasenwand - Schneiderspitze. Recht lieblich zwischen den schroffen Felsenriesen lag in einem unmutigen Waldtal. St. Maria Waldrast. Nachdem sich unsere Augen von diese Pracht voll= gesogen hatten, dachten wir erst wieder an die Edelweiße u. fanden auch eine ganze Anzahl auf dem armen steinigen Boden der Abhänge. Der Ab= stieg führte uns durch Wiesenschluchten die noch in üppiger Frühlingsblumenpracht standen, Schlüssel= blumen, Vergißmeinnicht, Enzian, Teufelskralle, Braunellen, Arnika, u. a. Der letzte Teil des Abstiegs jedoch wurde immer beschwerlicher, steil, steinig u. sehr sonnig. Ziemlich erschöpft kamen wir dann gegen 1/2 2 Uhr in Trins endlich an. Donnerstag d. 7. VII. 1927. Nachmittags gingen wir mit Geschwister Schirmer zur Sonnenwendalm u. genossen hier Kaffe, Kuchen, Aussicht auf die Balbachalm u. gemüt= lichen Abendspaziergang nach Trins. Freitag, d. 8. VII. 1927. Auf der Suche nach Jungs-Familien= bad gerieten wir an den Padasterbach, verwunderten uns über die vielen kleinen Mühlen u. entdeckten den schönen wilden Wassenfall, der dann noch öfters in der Unter= haltung erwähnt wurde. 121 Sonntag, d. 9. VII. 1927. Nach diesen letzten zwei Ruhetagen kommen wir heute mal wieder zu einem größere Spazier= gang nach Matau a. Bommer. Um nicht wieder nach Stanzach zu kommen, gingen wir oberhalb von Trins am Waldrand entlang über die Pflutschwiesen - Salfaun u. ka= men bei Puig auf die Brennerstraße. Auf der einen Seite rauschte die grüne Sill neben uns her - auf der an= dern Seite stampfte der Zug den Pass hinauf nach Italien zu. Matan ist die älteste Siedlung des ganzen Brennertales. An beiden Seiten der Straße stehen sehr alte aber stattliche Häuser mit großen Heiligenbildern ver= sehen. 1916 sind durch Unvorsichtigkeit einquartierter Solda= ten einige 30 Häuser verbrannt, welche meistens noch als Trümmerstätten daliegen. Sehenswert ist die sehr alte gotische Kirche, welche auffallend reich aus= gestattet ist. Heimwärts benutzten wir den Zug bis Seinach. Sonntag, d. 10. VII. 1927. Frl. Elisabeth Schirme, Frauchen + ich wollten zur Kapelle St. Magdalena. Durch ungenaue Wegangabe gerieten wir an den Martheier Bach. Da wir aber bald durch Gestrüpp + Gestein nicht mehr hindurch konnten, mußten wir umkehren, versuchten einen neuen Aufstieg durch eine sehr steile Waldschmeise. Dann gab Frauchen den Aufstieg auf u. Fr. Schirme + ich fanden dann zufällig den richtigen Weg, welcher gar nicht mehr so beschwerlich war. Eine kleine bescheidene Kapelle mit angebauten Viehstall u. Heuboden hängt an einem Felsenvorsprung von dem man einen sehr schönen Blick ins Gschnitztal hat. 122 Montag d. 11. VII. 1927. Nach einem nochmaligen aber vergeblichen Versuch der Gesch. Sch. in der Wechselstube Steinach einige Lire zu erwischen, wanderten wir auf schönen Waldwegen nach Nößlach, welcher ganz gegen unsere Erwartung ziemlich hoch lag. Der Kaffee in der Touristen-Rast war mießerabel um so besser die Fernsicht. Wir sahen in das Schmirn= + Walser Tal u. im Hintergrund auf die mächtigen Olanger Gruppe. Sehr steil u. anstrengend war dann der Abstieg nach Gries, zumal die Zeit bis zum Zug etwas knapp war u. der steile Aufstieg nach dem Griese-Berghof wenig ermutigend auf uns wirkte. Gries liegt im Brennertal, welches hier wohl am engsten ist, sodaß die Bahn im großen Bogen durch das Walser + Schmirn=, tal um St. Jodok herum geführt werden mußte. An der Straße hingen eine Reihe stattliche Gasthäuser u. die in grellen Farben gehaltene schmucke Kirche. Dienstag, d. 12. XII. 1927. Die erste ganztägige Wanderung brachte uns zur Tribulanhütte. Frl. Mary + Elis. Schirmer Frauchen u. ich. Mit dem sehr stark besetzten Auto hausten wir nach Gschnitz - dann ging es am Bach entlang durch das Dorf. Beim weiteren Aufstieg erblickten wir auf steiler Höhe die Innsbrucker Hütte mit dem mächti= gen Habicht. Der Weg führt durch das Sandestal, dann weiterhin auf weitausgezogenen Serpentinen über ein kleines aber hohes Schneefeld u. endlich nach3 1/2 Std 123 erreichten wir die Hütte. Überwältigend war das Bild der schroffen Tribulaungruppe aus der der Gschnitzer u. Pflerscher, am mächtigsten hervorragten. Zwischen den einzelnen Bergrücken hingen große Schnee= felder auf denen wir verschiedene Hochtouristen abfahren sahen. Ganz überrascht waren wir von der Wirtin zu hören, daß der Übergang nach Obernberg gar nicht so schwie= rig u. ohne Führer zu machen sei, was wir bis dahin für unmöglich hielten. Die Hütte ist sehr gut ein= gerichtet u. wird von einem kleinen Elektrizitätswerk mit Wasserkraft beleuchtet u. erwärmt. Mit etwas Bedauern, nicht hier oben bleiben zu können u. am näch= sten Morgen den Übergang zu machen (wir hatten uns dafür nicht vorgesehen - es fehlt an Wäsche - Proviant + Geld) begannen wir mit dem Abstieg. Kurz vor Gschnitz über= raschte uns ein Regen, welcher immer heftiger wurde u. uns nach wenig angenehmen Aufenthalt im Gschnitzer Visum zwang mit dem Auto heim zu fahren. Einer unserer schönsten Ferientage lag hinter uns. Mittwoch d. 13. VII. 1927. Von heute ist eigentlich nicht viel zu sagen. Er brachte uns einen Verlegenheitsgang nach Steinach mit kostspieligen Gelegenheitseinkäufen! Donnerstag d. 14. VII. 1927. Mein erster Geburtstag im Hochgebirge. Von nun an sollen ja alle noch folgen= den Geburtstage im Ausland gefeiert werden. 124 Frauchen streikt. Geschwister Schirmer + ich wandern pünktlich um acht Uhr zur Tauna Alp. Der Aufstieg war anfänglich sehr steil, lag aber im Schatten. Dann führte uns der Weg über wunderschöne, blumige Bergwiesen. Unterwegs ge= sellte sich Herr Kaufmann (Flötist am Wiesbadener Staats= theater) zu uns. Ein recht unterhaltsamer u. späßiger Herr. Am besten hat mir dann die Einkehr beim Trinser Hirten auf der Tauna Alp gefallen. Und wenn es mir im Leben nirgends mehr gefallen sollte, dann gehe ich zum Nokker u. esse Schwarzbrot - trinke Milch u. schlafe im Heu. Die Hütte ist schwer zu beschreiben - viel schwarz - das Dach nicht ganz dicht. Drei kurze Bänke, eine offene Feuer= stelle - ein kleiner Schrank für Essen + Trinken viel klein gespaltenes Holz, fein säuberlich geschich= tet u. an der Tür ein Kruzifix. Das Vieh weidete in einer Bergmulde oberhalb 150 Stück alle kräftig u. glatt im Fell u. höchst überrrascht über unseren Besuch. An einzelnen Schneefeldern vorbei gelangten wir dann endlich auf das Joch. Das war wohl der herr= lichste Rundblick, den ich bis dahin genossen habe. Im Tal Obernberg mit Obernberger See - in 125 nächster Nähe wieder die Tribulaungruppe, dann die von den Italienern besetzten Wartjöchl, Sand= jöchl u. Kreuz-Joch. Den gewaltigen Olperer mit seinen Kammeraden - Ganz im Süden die Dolomi= ten. Im Norden den stolzen Habicht - Kirchdorf u.s.w. das sind reiche Augenblicke im Leben - solch eine Pracht sehen zu können u. möchte sich zurufen- "Trink Auge, was die Wimper hält, vom goldenen Über= fluß der Welt!" Beim Abstieg kamen wir an dem Lichtsee vorbei. Schön klar u. still lag er vor uns u. hätten wir genügend Zeit gehabt, so wären wir auch einmal hineingestiegen, verführerisch genug war es. Der weitere steile + anstrengende Abstieg führte uns über herrliche Bergwiesen bis nach Obern= berg. Auf der sehr geräumigen Veranda des Gast= hauses Spörr labten wir uns an Zitronenwasser - Kaffee + Kuchen mit dem wunderbaren Blick auf die Tribulaungruppe. Sehr gefallen hat mir auch das Grenzwächterhaus. Geräu= mig im Tiroler Stil. 1922 entstanden zur Verhütung des Schmuggels mit Italien. Der Weg nach Haus führte an dem wilden Seebach entlang. Das schönste Gebirgswasser, was ich hier gesehen habe. Der weitere Marsch von Gries 126 über Stafflach nach Steinach auf der Brennerstraße wurde etwas unangenehm beeinträchtigt durch den sehr starken Autoverkehr. Die Heimfahrt bis Trins machten wir dann bei strömendem Regen mit dem Auto. Freitag, d. 15. VII 1927: Eigentlich wollte ich in Stei= nach die Geburtstagsüberraschungen für Frauchen ein= kaufen. Aber einmal war ich von der Truna- Alm noch sehr müde - zum andern war das Wetter wenig günstig u. so einigten wir uns am nächsten Tag gemeinsam nach Steinach zu gehen. Um wenigstens etwas zu beginnen besichtigten wir die Trinser Kirche u. den Friedhof. Erstaunt waren wir über das üppige Grabmal der Familie Hauer. Außerdem fanden wir auch Grab= steine für Vermißte des Weltkrieges. Die Kirche selbst bot nichts Äußerordentliches. Heute reisten auch Geschwister Schirmer nach Südtirol weiter. Wir haben hier gemeinsam sehr schöne Stunden verbracht u. fühlten uns in ihrer Gesellschaft recht wohl. Samstag, d. 16. VII. 27 Frauchens Geburtstag- natürlich geschlemmt mit Kuchen + Schlagsahne auf der Veranda der Post in Steinach. 127 Sonntag, d. 17. VII. 1927. Die einzige Abwechselung am heutigen Regensonntag war das Mogel= spiel mit den Geschwistern Jung u. abends das Konzert der Trinser Dorfkapelle. 28 Mann Mu= sik u. gestaunt haben wir wie flott + sicher die Kapelle spielte. Alle trugen gleichmäßige Jäger= joppen u. grüne Hüte mit Spielhahnfedern. Montag, d. 18. VII. 1927. Mein erster Lauf mit Herrn Schade führte uns über den Eggerberg Zeitenberg nach dem Truna-Joch. Es läßt sich sehr gut mit dem alten Herrn wandern. Auf dem Eggerberg kehrten wir beim Hirten Hört= nagel u. seinem kleinen Sepp ein. Wir wurden reichlich mit frischer Buttermilch bewirtet. „But- termilch vom Kübel ist gut gegen alle Übel - doch bleibt sie eine Zeitlang stehn - wer weiß wie dirs wird dann ergehen." Der kleine Sepp ist acht Jahre alt, war schon vor zwei Jahren mit auf der Alm u. sein Vater sagt, wenn der Sepp nicht auf die Alm kann, dann ist er krank. Bei unserem Weg über den Kamm hatten wir wieder den gekannten herrlichen Blick 128 nach Süden bis zu den Dolomiten. Auf der Truna -Alm mußten wir vor einem Regen= schauer in eine leere Hirtenhütte flüchten, wo sich dann auch die Geschwister Jung zu uns gesellten. Wir machten dann bei ge= lindem Regen den Abstieg gemeinsam. Dienstag, d. 19. VII. 1927. Ruhetag - u. Kaffeespa= ziergang zur Sonnenwendalm. Diesmal spielte + sang uns der Franzel - Schuhplattler - Tiroler Volkslieder + Schnaderhüpfler vor. Mittwoch, d. 20. VII. 1927. Herr Schad u. ich wanderten morgens um 5 Uhr bei aufgehender Sonne der Bremer Hütte zu. Gleich als wir aus dem Hause traten, blinkte uns eine Scheibe der Hütte frdl. zu. Geschnitz hatten wir in 1 1/2 Std erreicht, dann gings an den vereinsamten weltabgelegenen Hütten der Alponisalm vorbei. Nach kurzem Aufstieg machten wir eine kleine Rast und stärkten uns. Der Pfad war meistens sehr schmal u. führte stellenweise über glatten Felsen. Den Geschnitz= fall hatte man ständig vor Augen, jedoch war die Ent= fernung noch so groß, daß man sein Rauschen u. Tosen nicht hörte. Das letzte Drittel des Weges führte uns durch wildes Urgebirge mit riesenhaften Felsbrocken an denen man sich lebhaft den Zusammenbruch von uralten Bergriesen vorstellen konnte. Nach sieben= 129 stündigem Marsch hatten wir endlich um die Mit= tagszeit unser Ziel erreicht. Die Fernsicht ist durch den dahinterliegenden Simonygletscher beschränkt. Un= ten im Tal sieht man Trins. Die Aufnahme war sehr freundlich u. der Besuch der Hütte gut. (20 Pers.) Wir stell= ten dann im Gästebuch fest, daß in diesem Jahr einige 900 Wanderer die Hütte aufgesucht haben. Im Januar 1927 war eine Gendarmerie Patroullie aus Steinach oben u. hat nach dem Rechten gesehen. Mit dem beglückenden Gefühl, wieder eine Höhe besiegt zu haben, traten wir dann den Abstieg an. Donnerstag, d. 21. VII. 27. Vormittags mußten wir nun leider unser Köfferln packen u. am Nachmittag befrrgten wir es nach Steinach zur Bahn. Beides geschah, mit wehmütigem Herzen aber mit dem tröstenden Ge= danken, im nächsten Sommer kommen wir ja wieder u. dann mit soviel Geld, daß wir vier volle Wochen bleiben können. Freitag, d. 22. VII. 27. Früh um 6 Uhr rückten wir nach herzlichem Abschied von Fam. Baum mit Geschwiste Schiener schwer bepackt ab. Herr Raut= mann holten wir noch unterwegs ein u. dann brachte uns der Zug nach Innsbruck. Innsbruck eine Stadt von 70 000 Einwohnern mit sehr viel Fremdenverkehr. Die Stadt liegt so dicht an den Bergen, daß es in den Straßen ständig dämmerig ist. Sehr interessant für 130 uns war die Fahrt zur Hungerburg. Eine elektri= sche Bergbahn mit sehr starkem Gefälle, welche durch ein Dahtseil hochgezogen wird. Außer dem Blick über die Stadt nach dem Hochgebirge, bietet die Hungerburg nichts Besonderes. Unsere Weiterfahrt mit der Mittenwaldbahn hatten wir lieber mit dem Schnellzug machen sollen. Dadurch, daß die Strecke eingleisig ist u. wir eine Anzahl Schnell= züge vorbei lassen mußten, gab es unangenehm viel Aufenthalt. Die Fahrt selbst bot hochinteres= sante Ausblicke von steilen Felsenwänden u. sehr viele Tunnel. Garmisch-Partenkirchen zwei ober= bayrische Sommerfrischen mit sehr starkem Fremdenverkehr. Typischer Hausbau u. viel Tracht. Große Fleischportionen u. noch größere Maß= krüge! Am nächsten Morgen die Partnach= klamm zu besuchen mußten wir rücksichts= losen Regens wegen aufgeben. Samstag, d. 23. VII. 27. Die Fahrt nach München ging etwas schneller vor sich als die gestrige Bummelei nach Partenkirchen. Gestaunt haben wir zunächst über den hiesigen Straßen= verkehr u. nach unserer Trinser Ruhe wirkte die= ser Betrieb sehr unangenehm auf uns, sodaß 137 wir schon nach wenigen Stunden große Landsehn= sucht verspürten u. nach einem guten Mittagsmahl im Pschorr-Bräu es vorzogen den Nachmittag in Grünwald, an den stillen Ufern der Isar zu verbringen. Abends ließen wir dann noch die Hofbräuhaus Schlemmerei u. den Schützenplatzfesttrubel auf uns wirken u. zogen dann sehr an= geregt zum Nachtschnellzug. München - Gichenbach. Gichenbach, vom 24. VII. - 1. VIII. 1927. Die letzte Ferienwoche in Gichenbach haben wir ausschließlich zum Ruhen benutzt u. kaum etwas unternommen. Die Befürchtung, daß die Rhön nach den großen Eindrücken des Hochgebirges uns nichts mehr sein wird, traf aber nicht ein. Die schö= nen Wälder u. bäumebestandenen Berge unserer Rhön gefielen uns jetzt ganz besonders gut. Ende der Woche kommen Else, Lieselotte, Mutter Hanf u. Karl. Else u. Lieselotte wollen einige Wochen unser Stübchen bewohnen, wobei ihnen Sophie Lang die Hausarbeit besorgen will. 132 Herbstferien 1927 Anhaltend schlechtes Wetter ließ die Bebraer früher heimkehren, als anfänglich geplant u. so konnten wir unsere Herbstferien doch wieder hier verbringen. Wetter war wenig günstig. Nur einige schöne Tage benutzten wir zu Wan= derungen nach dem Dammersfeld. Den Höhe= punkt dieser Ausflüge bildete der 5. Oktober mit dem sehr vielseitigen Mittagsmahl im Frankenhaus. Früh um 8 Uhr rückten wir ab nach Rommers um Frau, Marie u. Emmy Elm abzuholen. Zwischen Simmels= + Sandberg trafen wir mit Fam. Ernst + Ludwig Megler zusam= men um dann über die Schwedenschanze - Ein= haust nach dem Frankenhaus zu wandern. Stimmung war recht gut u. trotz sehr nassen Füßen + kalten Nasen kehrten wir recht befriedigt heim. Die aufmerksame Bewirtung bei Elms in Rommers soll hier nicht unerwähnt blei= ben, ebenso der gemütliche Abend in Hetten= 133 hausen bei Fam. Megler. Morgen d. 8. X. 1927 werden wir mit unseren Klassenbrüdern in Gersfeld ein Wiedersehen feiern u. dann bleiben uns noch zwei Ferientage in Kassel. Gut so - denn Kerschensteiner u. Gaudig wollen nicht unbeach= tet bleiben, ehe wir uns zum frisch-fröhlichen Schaffen im Werklehrerkursus wiedersehen. 7. Oktober, 1927 Nachtrag. 16. VIII 1928 Die Osterferien 1928 verlebten wir wieder in Gichenbach für die Sommerferien 1928 hatten wir eine Reise nach Tirol geplant. Pension war schon bestellt u. Fahrkarten bereits gekauft. Sommerferien 1928 - Wilhelmshöhe bei Jakobs. Herbst ‘‘ ‘‘ - Vogelsberg - Hochwald= hausen bei Meier. Weihnachts ‘‘ 1928/29 - Sauerland - Willingen bei Joh. Schlömer. Osterferien 1929 - Werklehrerprüfung Pfingst ‘‘ 1929 - Frankfurt Sommerferien ‘‘ - Neckartal - Hirschhorn - Heidelberg. Herbstferien ‘‘ - Rhön - Wiesenhaus Weihnachtsferien 1929/30 Diakonissenhaus Osterferien 1930 - Halberstadt Sommerferien 1930 - Tirol (Schmirn) Osterferien 1931 - Gräfrath Elberfeld, Düsseldorf – Rhön. Pfingstferien 1931 - Frankfurt (Deutscher Lehrertag) Sommer 1931 - Kärnten (Winklern) Herbst 1931 - Rhön (Wiesenhaus – Bischofsheim Abtsroda - Langenbiber) Ostern 1932 - Eisenach Pfingstferien 1932 - Paddelfahrt - Weser bis Hameln Sommerferien 1932 - Paddelfahrt – Lahn – Saar – Mosel! Herbstferien 1932 - ‘‘ Werra- Treffurt – Eschwege Witzenhausen – dann 2 tägige Wanderung-Witzen= hausen-Roter See Helsa- Helsa - Belger Kopf Söhre Bergshausen – Niederzwehren Weihnachtsferien 1932/33 - Beamtenerholungsheim Habichtswald Osterferien 1933 - Werrafahrt – Eschwege - Witzen= hausen – Münden Weser bis Veckerhagen. Pfingstferien 1933. Herr Wolf + Maria Pf. Werrafahrt-Gerstungen Münden. Sommer. 1933. Mainfahrt durch Franken Lichtenfels-Aschaffenburg. Weihnachtsferien 1933 Oberhof- (Pension Eitner) Ostern 1934 4 Tg. Edersee -„Auf Scheid"! Pfingsten 1934 Diemelsee -Heringhausen -Steinhardt Sommer 1934 ‘‘ ‘‘ ‘‘ Herbst 1934 Hochzeitsreise nach Würzburg. Sommer 1935 Werrafahrt mit dem Paddelboot von Meiningen bis Münden/Han. Sommer 1936 In Menzenschwand im Schwarzwald anschließend in Bad-Homburg v. d. H. bei Hermann u. Cläre. ‘‘ 1937 Halberstadt (Vater stirbt!) ‘‘ 1938 Berchtesgaden ‘‘ 1939 Berchtesgaden. Herbst 1939 5 tägige Wanderung – Guxhagen - Guiller – Heiligen.-Berg - Rhünda- Harle- Hanberg – Brandtshausen - Beisetal - Wildsberg - Spangen= berg - Söhr - Kassel. Sommer 1940 Paddelfahrt nach Herstelle a. d. Weser -3 Wch. Aufenthalt - Weiterfahrt bis Hameln. Ostern 1941 Wanderung: Melsungen. Spangenberg (3 Tg. Aufent= halt) Waldkappel. Sommer 1941 Berchtesgaden. ‘‘ 1942 Ria - Berchtesgaden u. Mutter Hügel – Hans Bad-Hofgastein. Dez. 1942 Mutter stirbt nach Operation im Sommer Ostern u. Pfingsten 1943 Marburg/ Lahn-Augenklinik. Januar 1944 Mansbach / Krs. Hünfeld Sommer 1944 Bad Eilsen – Augensanatorium Jan. 1945 Gotthards i. d. Rhön März-Okt. 1945 Harle. Juli 1946 Wolfenbüttel-Braunschweig. Juli 1947 Wallings (Heumachen) Hettenhausen - Gichenbach – (Hudelbrenen) 10. - 21. VI. 1948 zum Heumachen in Wallings + Heidelbeerenernte in Gichenbach - Währungreform Reise plötzlich abgebrochen. 23. iX. - 5. X. 1948 Bei Hermann + Kläre in Bad-Homburg v. d. H. - Hans allein – Nachtrag: Sommer 1943 - Mit Gerd die letzte Paddelfahrt nach Münden – Gammerl bekommt Gerd, wird nach Halberstadt verschickt. Ria u. ich bringen Gend nach Halberstadt, da uns sein Aufenthalt in Kassel wegen Fliegergefahr zu ängstlich erscheint. Wie lange wir uns in Halberstadt aufgehalten haben können wir uns nicht mehr entsinnen. Sommer 1953 London-Holland-Westfalen Auf Scheid nicht mehr festsellbar – wann? Sommer 1955 Zur Kur in Bad-Tölz – Heimfahrt + Besuche in Stuttgart - Gonsenheim + Bad-Homburg v. d. H. Sept. 1955 Familientag in Hannover - Steinhude. 8.7.1956 Zur goldenen Hochzeit von Heinrich u. Johanna Siebecht nach Bodenfelde – Am nächsten Tag nach Uslar u. Alitta + Edda Siebecht im neuen eigenen Haus besucht. 9. Sept. 1956 Großer Familientag in Gelsenkirchen.